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Projekt: Jakob Nonnen

Auto Fiktion – eine Projekt-Dokumentation.

MAI 2025

Meine Interesse für die sogenannte Gigafactory im brandenburgischen Grünheide wird im Frühjahr 2022 geweckt, durch das Video »Musk laughs off question on water concern over Tesla plant«, hochgeladen auf dem YouTube-Kanal der Nachrichtenagentur Reuters. Elon Musk lacht hier – erschreckend diabolisch – wiederholt eine ZDF-Reporterin aus, die ihn auf Kritik anspricht, die Umweltschützer:innen und Klimaaktivist:innen schon früh gegenüber der Fabrik äußern. Die Fabrik steht in einem Wasserschutzgebiet. Die Region – ein Naherholungsgebiet mit Kanälen und Seen – hatte in den vorangegangenen Sommern bereits mit Wasserknappheit zu kämpfen. Eine weitere Angst: Zwischenfälle, Havarien oder Unfälle in der Fabrik könnten das Grundwasser, im schlimmsten Fall, auf unbestimmte Zeit kontaminieren. In dem Video reißt Musk die Situation an sich und beginnt, die Journalistin auszulachen: »It’s ridicoulous. It rains a lot«, entgegnet er und fragt: »Does this seem like a desert to you?« Das ZDF verliert daraufhin für die offizielle Einweihung der Fabrik die Presseakkreditierung. Musks Lachen erinnert mehr an einen Superschurken aus Hollywood als an einen seriösen CEO.

Immer wieder finden sich in dieser Zeit Artikel in den Zeitungen: »Ein Raumschiff landet in Brandenburg« oder »Ufo im Anflug.« Die Zeitungs- und Medienhäuser greifen die Science-Fiction-Erzählung des Tesla-Marketings auf – diese vermeintlich futuristische Firmenideologie, die sich in so gut wie allen Firmen, die Elon Musk sein Eigen nennt, wiederfindet: Starlink, Neuralink, SpaceX. Alles ist Giga, Super, Heavy, Cyber. Science-Fiction-Filme aus den 1980er Jahren bis in die späten Nullerjahre haben meine eigene Kindheit geprägt: Blade Runner, Star Wars, iRobot. Das Marketing und das Markenauftreten besagter Unternehmen von Elon Musk erinnern an vielen Stellen auf bizarre Art und Weise an diese Filme, visuell wie inhaltlich.
          Nehmen wir beispielsweise die selbstfahrenden Autos in iRobot, die irgendwann, ferngesteuert von einer übermächtigen künstlichen Intelligenz, zusammen mit humanoiden Robotern das tun, wovor führende K.I. Forscher:innen seit einigen Jahren warnen: Sie stellen sich gegen die Menschheit und versuchen, diese auszulöschen. Zum Glück schreitet jedoch im letzten Moment Will Smith als Detective Spooner ein und rettet die Welt (bzw. Chicago im Jahre 2035). Mit dem Optimus hat Tesla bereits 2021 die Entwicklung eines humanoiden Roboters angekündigt, der sich aktuell in der zweiten Protoypengeneration befindet.

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https://­www.tesla.com/­de_de/giga-berlin

Ich schreibe eine E-Mail an die einzige E-Mail-Adresse, die ich auf der Website des Konzerns im Spätsommer 2022 finden kann. »TESLA – Europa und Naher Osten«. Eine amerikanische Sichtweise auf die Kontinente jenseits des Atlantischen Ozeans? In der Mail bitte ich um Fotoerlaubnis und erkläre, dass ich Student der Burg Giebichenstein Kunsthochschule bin und mich sehr für ihre Fabrik interessiere. Eine Antwort erhalte ich nie.

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Oben: IMG_2639.jpeg
Unten: IMG_2550.jpeg

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Musks Ausspruch »Does this seem like a desert to you?« wird der Aufhänger für meine folgenden Besuche in Brandenburg. Die ersten Male bin ich dort ziemlich ungestört. Es ist das Jahr 2022, August. Die Infrastruktur für die Fabrikarbeiter:innen ist erst spärlich ausgebaut. Ich komme am Bahnhof Fangschleuse an. Dort finden gerade Bauarbeiten an einem Personenübergang statt. Damit die Fabrikarbeiter:innen – sofern sie nicht aus der Hauptstadt zum Werk pendeln – nicht erst hinter der Schranke warten müssen, um an die Bushaltestellen zu gelangen. Ein Shuttlebus von Mercedes-Benz, angetrieben mit Diesel, bringt mich auf den noch unfertigen Parkplatz der Fabrik. Den Bus ziert auf den Anzeigetafeln ein pixeliges Tesla-Logo, das mehr nach Hormonspirale oder Uterus aussieht als nach dem Chromlogo, das auf den Neuwagen glänzt, die hier vom Band laufen. Ich gehe über die Parkplätze um die Fabrik. Ein paar E-Ladesäulen mit den zugehörigen Teslas gibt es bereits. Sonst stehen hier größtenteils PKWs mit Verbrennungsmotor. Überall liegen offene Kabel und Rohre. Mein Rundgang um die Fabrik endet vor hohen Zäunen und einer Reihe Drehtüren, an denen die Fabrikarbeiter:innen mit Chipkarten einchecken. Ich nehme das Shuttle zurück zum Bahnhof Fangschleuse. Neben dem griechischen Restaurant am Bahnhof ist eine NextBike-Station aufgebaut. Keines der Räder sieht so aus, als sei es schonmal benutzt worden. Gefördert wurde die Station von dem lokalen EDEKA. Ich setze mich auf eines der Räder, entsperre es mit der zugehörigen App und fahre damit durch den Wald. Es geht ein gutes Stück über einen landwirtschaftlichen Weg, zu meiner Rechten die Gleise, über die ich vom Berliner Ostkreuz angereist bin. Ich möchte zu der Stelle, die ich erinnere aus dem Zug gesehen zu haben und zu der ich per Google Maps finde: Ein Waldstück mit Blick auf das Fabrikgelände. Auf der Lichtung dazwischen verläuft eine Spur alter Gleise. Ein Jahr später wird hier der Gigatrain zur Fabrik fahren. Kurz darauf stehe ich wieder vor einem Bauzaun. Ein »BauWatch«-Turm aus Überwachungskameras ragt hinter der Absperrung empor. Vom Fabrikgelände selbst ist nicht viel zu erkennen.

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DALL-E2 Text-zu-Bild K.I. - Werkzeug 
Prompt: Show me pictures inside the gigafactory in Brandenburg

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DALL-E2 Text-zu-Bild K.I. - Werkzeug 
Prompt: Show me pictures inside the gigafactory in Brandenburg

Die ersten Versuche, konkrete Einblicke in die Fabrik oder das Werksgeschehen zu erhalten, laufen ins Leere. Ich fotografiere Bauzäune, Rohre, Baustellenlogisitk. Das Text-zu-Bild K.I.-Werkzeug DALL-E 2 lasse ich Innenansichten der Gigafactory in Brandenburg imaginieren. Die Ergebnisse sind visuell kaum aufschlussreich und verraten wenig über das wirkliche Innere der Fabrik. Sie wirken wie ein zusammengemorphtes Bild aus den Suchergebnissen der Google-Bildersuche. Ein wenig erinnern sie mich an Texturen auf den dreidimensionalen Polygonen alter Videospiele aus den 1990er Jahren. Ich muss an das Bertolt-Brecht-Zitat von Walter Benjamin in »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« (Frankfurt am Main. 1966. S. 62-63.) denken. Benjamin schreibt: 

Denn die Lage, sagt Brecht, wird ›dadurch so kompliziert, daß weniger denn je eine einfache ›Wiedergabe der Realität‹ etwas über die Realität aussagt. Eine Photographie der Kruppwerke oder der A.E.G. ergibt beinahe nichts über diese Institute. Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht. Die Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, also etwa die Fabrik, gibt die letzteren nicht mehr heraus. Es ist also tatsächlich ›etwas aufzubauen‹, etwas ›Künstliches‹, ›Gestelltes‹.‹

Ich frage mich, ob nicht bereits das Fotografieren selbst ein künstlicher Prozess ist, egal auf welche Weise es vollzogen wird. Ob ich ein Stativ und eine Platte mit Emulsion aufbaue (analoge Kamera) oder ob ich die Lichtdaten von Sensoren auslesen lasse und hinterher wieder in Bilder umwandle (digitale Kamera). Die romantisierte und fetischisierte analoge Erfahrung in traditionellen fotografischen Prozessen hat natürlich ihren ganz eigenen Reiz, den ich in anderen fotografischen Kontexten ebenfalls sehr schätze. Ist es aber denn etwas gänzlich anderes, wenn diese Bilddaten bereits bei der Aufnahme von Maschinen interpretiert und weiterverarbeitet werden? Solange ich überblicken kann, was mit meinen aufgenommen Daten und Material passiert, traue ich mir zu, die Verantwortung über die Bilder und die Auswahl zu tragen. Die Maschineninterpretation der Lichtdaten wird Teil meines Prozesses und ihre Visualität die Charakteristik.

In den folgenden Monaten bin ich wieder und wieder um die Fabrik herum unterwegs. Mit dem Auto, zu Fuß, mit dem Zug, erneut mit den lokalen Leihfahrrädern und mit dem Bus. Ich gehe die mir zugänglichen Wege. Und ich bemerke schnell, dass ich mit dem Smartphone am Besten fotografieren kann. Niemand interessiert sich für mich. Selbst wenn ich direkt an Bauzäunen stehe und mit dem Smartphone vor den Augen des Sicherheitspersonals hindurchfotografiere, interessiert sich niemand für mich. Das Smartphone wird zu meinem ständigen Werkzeug. Ich nehme Bilder auf, Audio, Bewegtbild, ich notiere was ich sehe. Aber dieses Gefühl, dass mich vor Ort befällt, findet sich noch nicht in den Bildern wieder, die ich mache. Dieses diffuse Gefühl eines Ortes, an dem eine Science-Fiction-Erzählung Form annimmt und gleichzeitig der globale Welthandel spürbar wird. Ein gigantischer und doch auf absurde Art unscheinbarer Ort. LKWs fahren ein und aus. Das Ganze könnte auch einfach das Logistikzentrum eines Onlinehändlers sein.

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Heike Geißler. Saisonarbeit. Leipzig. 2014.

In Heike Geißlers »Saisonarbeit« (Leipzig. 2014. S. 16) lese ich, dass »… mit dieser Arbeit und vielen Sorten Arbeit grundsätzlich etwas faul ist«. Geißler schreibt aus der Perspektive einer Autorin, die, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, einen Job im Amazon Logistikzentrum in Leipzig annimmt. Sie beschreibt die Erfahrungen, Gedanken und Gefühle der Hauptfigur bei ihrer Arbeit für den Großkonzern hinter den verschlossenen Türen dieser riesigen Hallen des Logistikzentrums am Rande der Stadt. Ich versuche mir die Arbeit hinter den Zäunen und Drehkreuzen in den riesigen Hallen von Tesla vorzustellen. 

Im Sommer 2023 nehme ich an einer Führung durch eines der drei weltweit größten Verteilerzentren von DHL teil, dem DHL Hub am Flughafen Halle/Leipzig. Die Führung beginnt um 21:30 Uhr, da hier ausschließlich nachts gearbeitet wird. DHL hat sich an diesem Standort angesiedelt, weil es kein Nachtflugverbot gibt. Zu Stoßzeiten könen hier bis zu einer Millionen Pakete pro Nacht verarbeitet werden. Sie kommen an und werden umsortiert, auf LKW