Interview mit Ben von Linde-Suden, Rebecca Könitzer & Dr. Tim Seitz
Design Thinking ist tot – Leider? Endlich?
Transkript einer Paneldiskussion
Fragen: Carl Friedrich Then, Sabeth Wiese, Franziska Porsch
MAI 2026
Design Thinking war lange Zeit die populärste Designmethode. Von Designer:innen meist eher gehasst als geliebt. Heute scheint die Methode mehr und mehr aus den Portfolios der Agenturen zu verschwinden. Zeit also zu bilanzieren: Was hat Design Thinking mit Designer:innen aber vor allem auch mit der Bedeutung, Wirkung und dem Selbstverständnis von Design gemacht?
Eingeladen haben wir für unsere Paneldiskussion am 24. April im Rahmen der → World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 drei Speaker:innen mit unterschiedlichen Perspektiven. Als UX Director bei Diconium (Volkswagen Group) und zuvor Director User Experience Design bei SIXT verankerte → Ben von Linde-Suden nutzerzentrische Designprozesse in agilen Entwicklungsteams. → Rebecca Könitzer war bis 2024 Design Directorin bei IDEO in München und etablierte Human-Centered Design in Regierungen und Konzernen für nachhaltigen Wertbeitrag. → Dr. Tim Seitz bereicherte das Panel um die akademische Perspektive. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe Universität Frankfurt. 2017 erschien sein Buch → Design Thinking und der neue Geist des Kapitalismus – Soziologische Betrachtungen einer Innovationskultur auf der Basis seiner Masterarbeit.
Die Diskussion eröffnen unsere Speaker:innen mit ihrer Perspektive auf Design Thinking.
Ben von Linde-Suden: Hallo an euch alle! Wir stellen uns ja heute die Frage, ob Design Thinking tot ist. Wenn das wirklich so ist, ist es für mich ein Geist, der durch unsere Büroräume und Teams-Meetings spukt und der bei mir willkommen ist – quasi wie Hui Buh, das Schlossgespenst.
Ich habe in meiner Arbeit die Erfahrung gemacht, dass Design Thinking sehr hilfreich sein kann, wenn es darum geht, Design in Organisationen zu verankern und die Maturity von Design zu erhöhen. Ich habe Design Thinking dabei oft als Werkzeug zur Organisationsentwicklung genutzt, um in Richtung einer Haltung zu kommen, die Design in der Organisation wirklich wertschätzt. Als der Begriff populär wurde, wurde er auch recht schnell aufgegriffen – auch von Disziplinen und Kompetenzen, die nichts mit Design zu tun hatten, auch auf Vorstandsebene zum Beispiel, mit denen ich besonders bei SIXT häufiger zu tun hatte. Design Thinking hat mir oft geholfen, über alle Disziplinen hinweg ein gemeinsames Nutzerverständnis herzustellen.
Dabei bin ich der festen Überzeugung, dass Design Thinking nicht gut funktioniert, wenn kein Experte beziehungsweise kein Designer dabei ist. Und ein einizger Workshop reicht auch nicht aus. Andernfalls ist es mitunter sogar gefährlich: Zum Beispiel, wenn versucht wird tiefgreifende Produktentscheidungen anhand von Klebepunkten zu treffen. Das ist allenfalls eine Priorisierung, aber es darf niemals die Entscheidung selbst sein.
Rebecca Könitzer: Die Frage, ob Design Thinking tot ist, würde ich gerne differenzierter betrachten. Was stirbt da denn eigentlich?
Design Thinking hat im Innovationsbereich - stark beeinflusst durch IDEO – eine echte Legacy. Mir begegnen bis heute Menschen, die sagen: "Ich kenne das Shopping-Cart-Video”, → welches irgendwann in den 90ern aufgenommen wurde. Und gleichzeitig ist Design Thinking durch Kommerzialisierung sehr vereinfacht worden. Auf der einen Seite gut, um es schnell verständlich zu machen und eine gemeinsame Sprache über verschiedene Disziplinen zu schaffen. Auf der anderen Seite übersieht man dann schnell, wie komplex der Prozess und die Methoden eigentlich sind.
Denn es ist eben nicht nur eine Methode. Wenn wir mit Kunden gearbeitet haben, haben wir immer von Skillset und Mindset gesprochen – beides muss zusammenkommen. Wenn nicht, sprechen wir von Innovationstheater. Wenn wir Design Thinking definieren wollen, ist es die Betrachtung eines Problems aus verschiedenen Perspektiven. Bei IDEO haben wir immer gefragt 1) Desirability: Wollen es die Menschen? 2) Viability: Kann es die Organisation umsetzen? 3) Feasibility: Ist es technisch möglich? Und was in den letzten Jahren dazugekommen ist, Gott sei Dank, 4) Responsibility: Welche Auswirkungen hat es? Deshalb war Design Thinking für mich nie eine Antwort, sondern eher eine Einladung, bessere Fragen zu stellen. Das ist für mich der Kern.
Design Thinking ist nur ein Kompass, der uns hilft zu navigieren, liefert aber nicht automatisch Antworten.
Tim Seitz: Meine Beschäftigung mit Design Thinking liegt schon ein paar Jahre zurück – das war definitiv nicht in den 90ern, aber trotzdem war das Konzept damals sehr angesagt. Vor etwa zehn Jahren – während ich mein Buch darüber schrieb – habe ich Zeit mit einer Agentur verbracht und mich seitdem auch nicht mehr so intensiv wie damals mit dem Thema beschäftigt. Auf die Frage hin „Ist Design Thinking tot?“ habe ich deshalb nochmal recherchiert und eine interessante Zahl gefunden: In der Weiterbildungsdatenbank der Bundesagentur für Arbeit liefert der Suchbegriff "Design Thinking" 1.705 Treffer.
Wenn die Bundesagentur für Arbeit es als etabliertes Weiterbildungskonzept anbietet, würden wir wohl sagen: Es hat seine Innovativität ein Stück weit verloren. Was dabei natürlich in eine paradoxe Situation führt: Eine Methode, die mal als extrem innovativ galt und deren Ziel es ist, Innovationen hervorzubringen, hat ihre eigene Innovativität eingebüßt. Ob das heißt, dass Design Thinking tot ist, weiß ich nicht genau – aber man könnte auch sagen, es lebt, nur vielleicht an Orten, wo man das erstmal nicht vermuten würde.
409: Danke euch für eure einleitenden Worte. Reden wir eigentlich über dieselbe Form von Design Thinking? In Tims Buch geht es oft um die Materialität von Design Thinking – den Time Timer und die Post-its. Reden wir alle von Workshops mit Methodensheets und Post-its, mit LEGO und Timeboxing – oder von welcher Form redet ihr eigentlich?
Rebecca: Als ich bei IDEO angefangen habe, dachte ich: Gib mir doch mal bitte die eine Prozessübersicht von Design Thinking, da muss es doch irgendeine Standardpräsentation geben. Die ‘Eine’ gab es nicht – weil es einfach 50.000 verschiedene Ausprägungen gab, wie dieser Prozess in unterschiedlichen Kontexten und Unternehmen genutzt wurde.
Wenn Design Thinking gelehrt wird – insbesondere in einem Wochenend-Workshop – gibt es oftmals den bekannten Prozess mit fünf Stufen, der dazu verleitet zu denken, wenn man diesen linear durchläuft, kommt man automatisch zur innovativen Lösung. Und genau das ist die Crux. Man unterschätzt, wie vielschichtig Innovation ist, wie viel Expertise es braucht, und wie chaotisch – also wirklich vor, zurück, rauf, runter – das Durchlaufen von komplexen Fragestellungen ist. Wir bewegen uns in einem Umfeld, wo wir nicht wissen, was wir nicht wissen. Und Design Thinking ist nur ein Kompass, der uns hilft zu navigieren, liefert aber nicht automatisch Antworten.
Ben: Wie ich eingangs auch schon gesagt habe: Für mich war der Workshop allenfalls der Türöffner – um anderen zu zeigen, dass es Sinn macht, sich auf Nutzerbedürfnisse zu konzentrieren, und das auch zusammen mit Menschen zu tun, die sich mehr ums Business kümmern. Selbst wenn ich nicht gerne Design Thinking-Workshops mit Menschen mache, die sich gar nicht mit Design auskennen, weil ich halt immer wieder bei null anfangen muss: Ich habe gemerkt, dass wenn du Leute an Bord kriegen musst und zwar mit etwas Pragmatischem, das nicht so lange dauert, aber das Potenzial hat, sich ins Organisationsdenken und in die Kultur zu verlängern, dann ist ein DesignThinking-Workshop ein wirksamer Türöffner. Ich habe das das mit einem Abteilungsleiterkreis gemacht – ein halbes Jahr später war Design Thinking im Pflichtprogramm eines Leadership-Entwicklungsprogramms. Damit ist das Design noch nicht in der Organisation verankert, aber es ist ein Anfang.
Tim: Die Frage war, was meine Definition ist – das ist schwierig. Dabei besteht in den Kontexten, die wir diskutieren, eine gewisse Einigkeit darüber, was man nicht tut: nämlich diese oberflächliche Variante, wo Leute einfach durch einen Workshop getrieben werden. Es gibt wahrscheinlich sehr viele verschiedene Praktiken, die als Design Thinking bezeichnet werden – und alle wissen, dass sie diese kritisch betrachtete Art nicht machen.
Was ich bei euch heraushöre, ist so eine Prozess-Produkt-Unterscheidung: Entweder entwickelt Design Thinking etwas – eine Lösung für ein komplexes Problem. Oder es ist ein Prozess, der Leute mit verschiedenen Hintergründen zur Zusammenarbeit bringt und einen Austausch ermöglicht, der sonst nicht möglich wäre. Je nach Kontext steht dann der eine oder der andere Aspekt im Vordergrund. Festschreiben lässt sich das nicht.
409: Ich höre dabei raus, dass es bei SIXT tendenziell schon auch den Klischee-Design-Thinking-Workshop gab – aber halt nur als Einstieg in einen viel längeren Prozess. Gab es den bei IDEO gar nicht, oder war das eher sowas, was als Sales-Event und Happening für den Kunden veranstaltet wurde?
Rebecca: Einen Design Thinking-Workshop an sich gab es bei uns nicht – da es unsere Art und Weise zu arbeiten ist. Design Thinking war ein Teil unseres Vorgehens, genauso wie agile, Human-Centered Mindset und andere. Design Thinking hat uns vielmehr dazu gedient, eine gemeinsame Sprache über verschiedene Disziplinen hinweg zu definieren und dann eine Verschiebung weg vom Output – also Produkt oder Service – hin zum Outcome zu leisten. Das hat man gut an den Projekttypen über die Jahre hinweg gesehen: Wir haben mit eher produktfokussierten Projekten angefangen und sind immer mehr zu Systemen übergegangen – bis hin zum gesamten Schulsystem in Südamerika oder ich habe mit der Regierung in Dubai zusammengearbeitet, um Human-Centered Design in ‘Policy Making’ einzubringen.
Denn wenn man davon spricht, ein Problem zu lösen – to fix a problem –, bedeutet fix einerseits reparieren, andererseits aber auch festschreiben, fixieren.
409: Du hast jetzt auch schon die Nutzerzentrierung angesprochen – da würde ich nochmal die kritische Frage stellen: Ist Design Thinking wirklich nah am Nutzer – oder wird hier oft nur ein Klischeebild beschworen, eine Persona, die gar nicht in echten Studien fundiert ist? Was ist da eure Erfahrung aus der Praxis?
Ben: Wenn tatsächlich so ein inflationärer Design Thinking-Workshop mal eben eingestreut wird, dann ist das auf gar keinen Fall fundiert. So etwas habe ich zuhauf gesehen. Deshalb habe ich immer dafür gesorgt, dass Experten dabei sind und man mit einem Fundament reingeht: Der Designer nimmt die anderen Kompetenzen mit, lässt sie bei professionell vorbereiteten Interviews zuschauen. Das ist für mich der erste Schritt – den Menschen zu zeigen, wie Nutzer reagieren, wenn sie dein Produkt benutzen. Dann können auch Nicht-Designer einigermaßen fundierte Klebezettel an die Wand bringen, sodass dieser Teil der Übung auf Evidenzen und Fakten basiert. Das muss klar sein: Das passiert nicht, wenn kein professioneller Designer dabei ist. Für mich ist eine Vorarbeit hier absolut notwendig.
Rebecca: Zur Frage, ob Design Thinking wirklich nutzerzentriert ist: Wir sind zwar in jedem Projekt zu Personas oder Archetypen gelangt – denn man versucht natürlich, die Masse an potenziellen Endnutzern zu verdichten. Aber dahinter steckte ganz viel Research, Expertise, Empathie und qualitatives Verstehen der Bedürfnisse, Verhalten und Herausforderungen von Menschen.
Mir fällt gerade ein Beispiel ein. Es ging um einen Pharmakonzern und darum, wie Pillenverpackungen gestaltet sind. Ich habe noch heute das Bild klar im Kopf: Wir waren bei einer älteren Dame, die ihre Pillenschachtel mit dem Brotmesser aufgemacht hat, weil sie sie sonst einfach nicht aufbekam. Für sie war ein eine natürliche Lösung für ihr Problem, für uns ein echtes Potenzial. Beim Beobachten, Verstehen und vielen Fragenstellen, verstehen wir wo ungenutzte Potenziale sind und können diese in Innovation übersetzen. Genau das ist Teil von Design Thinking: sich wirklich die Zeit zu nehmen, qualitativ gutes Research und Nutzer wirklich zu verstehen.
Tim: Ich denke gerade an einen Aufsatz von Tamara Hale, der den Titel People Are Not Users trägt . Das finde ich eine spannende Unterscheidung. Und dein Beispiel mit dem Brotmesser und der Pillenpackung ist perfekt, weil es ein ganz klassischer Fall ist: Ein Produkt, das im Grunde nicht auf Usability optimiert ist. Gleichzeitig finde ich es – weil Design Thinking so schwammig und schwer definierbar ist und immer weiter hochskaliert wurde auf die Entwicklung von Systemen – persönlich immer schwieriger nachzuvollziehen, wer eigentlich noch die Nutzer sind und was ihre Probleme sind.
Denn wenn man davon spricht, ein Problem zu lösen – to fix a problem –, bedeutet fix einerseits reparieren, andererseits aber auch festschreiben, fixieren. Je komplexer die Anwendungsfälle werden, desto mehr braucht es Menschen, die – und das ist jenes paternalistische Moment, über das ich auch geschrieben habe – genau zu wissen meinen, was eigentlich die Probleme der Nutzer sind. Je diffuser die Problemstellungen werden, desto mehr Bauchschmerzen bereitet mir das.
409: Damit sind wir jetzt endlich auch direkt bei der Frage angekommen, ob Design Thinking die Welt zu einem besseren Ort macht. Dahinter stecken für mich eigentlich zwei Fragenstellungen: Sind die Outcomes gut? Und hilft uns die Methodik prinzipiell, bessere Lösungen zu entwickeln? Selbst wenn Personas nicht fundiert sind, können sie zu einer sinnvollen Mensch-Zentrierung beitragen.
Rebecca: Für mich macht es die Welt in dem Sinne besser, weil Design Thinking ein Weg war Design den Einfluss zu geben, den es braucht , um bei Entscheidungen in Organisationen und Systemen mit Wirken zu können. Und ich bin überzeugt, dass Design dringend gebraucht wird, um die großen Herausforderungen und komplexen Fragestellungen von heute und morgen anzugehen.
Ob es dabei Design Thinking heißen muss, ist für mich eher ein Fragezeichen. Ich würde es lieber als Design Doing sehen – weniger im Sinne von Workshops, mehr im Sinne von: Wir wollen wirklich etwas verändern, Systeme beeinflussen, Potenziale entdecken und echten positiven Wertbeitrag leisten.
[D]as hat viel damit zu tun, was IDEO und viele andere Agenturen und Dienstleister geleistet haben: Sie haben Design Thinking einen Namen gegeben, es als Methode verkauft – und das waren Menschen, denen die Entscheider geglaubt haben.
Ben: Warum hat es Design Thinking geschafft, Design und nutzerzentriertes Denken in Unternehmen zu verankern – und nicht Design selbst? Liegt es daran, dass Design in Deutschland oft ganz anders verstanden wird als im Englischen? Im Englischen ist Design die Entwicklung von etwas, in Deutschland ist es oft das Anmalen, das Verschönern.
Design war für die Menschen in diesen Unternehmen entweder etwas sehr Gestalterisches, bei dem sie nicht verstanden, warum das Business das braucht, oder etwas rein Visuell-Digitales, das man hinten raus im Projekt macht – dann macht man es noch ein bisschen hübsch. Und da hat Design Thinking etwas geschafft, was Design so nicht geschafft hat. Und ich glaube, das hat viel damit zu tun, was IDEO und viele andere Agenturen und Dienstleister geleistet haben: Sie haben Design Thinking einen Namen gegeben, es als Methode verkauft – und das waren Menschen, denen die Entscheider geglaubt haben.
Tim: Ob die Welt durch Design Thinking besser geworden ist – ich versuche mal ein Argument aus soziologischer Perspektive zu machen. Design Thinking lässt sich interpretieren als Ausdruck des neuen Geistes des Kapitalismus, in dem Kreativität, Authentizität und Teamwork als neue Leitkriterien auftreten. Die etwas ernüchternde Pointe: Es handelt sich um die Inkorporierung einer Kritik, die den Kapitalismus dadurch letztlich weiterleben lässt.
Das ist eine Diagnose, bei der man ein bisschen ratlos dasteht und sich fragt: Und was jetzt? Ich würde sie heute auch nicht mehr so unbedingt heranziehen, weil ich sie selbst nicht sehr produktiv finde. Was man aber sagen kann: Die Frage ist, ob die Probleme, die einer besseren Gesellschaft entgegenstehen, eigentlich Probleme sind, die auf innovative Lösungen warten. Da bin ich nicht sicher. Viele Stimmen – man nehme die Klimakrise – sagen: Es fehlen uns nicht die Technologien oder die klugen Ideen für Veränderung. Die Hindernisse liegen auf anderen Ebenen. Mein Eindruck ist, dass die Neigung, jedes Problem als Mangel an Innovativität zu rahmen, langsam an Überzeugungskraft verliert.
Rebecca: Ich gehe da teilweise mit. Aber ich glaube, dass gerade da auch Innovation eine Brücke schlagen kann – zwischen dem, was heute ist, und dem, was übermorgen möglich wäre. Wir werden das System nicht von heute auf morgen auf zum Beispiel regeneratives Wirtschaften umstellen. Aber wie wir dahin kommen, wie wir das System positiv beeinflussen können und sich scheinbar gegensätzliche Pole verbinden lassen, das lässt sich mit Hilfe von zum Beispiel Design Thinking neu denken.
Keine dieser Methoden macht Veränderung leicht. Veränderung bedeutet immer Reibung, Schwierigkeiten und Rückschläge.
409: Leider muss ich aufgrund der Zeit hier einen Schnitt machen. Meine letzte Frage: Design Thinking wurde ein bisschen abgelöst durch Service Design und Social Design, und als Innovationsmethode von Agile und Lean Startup überholt. Was sollten wir aus dieser Entwicklung lernen?
Ben: Da fallen mir auch andere Dinge ein, wie New Work oder ähnliche Konzepte, die auftauchen und – wenn man sie nicht konsequent einführt und wirklich verankert – auch schnell wieder verschwinden. Dann werden Menschen eingestellt für diese Themen, und haben nach einiger Zeit, wenn dem Trend nur oberflächlich gefolgt wurde und dann aber vorbei ist, keine Zukunft in der Organisation. Deshalb: Man muss sich wirklich angucken, passt das zu meiner Organisation? Das ist ein normaler Hype-Cycle – aber als Organisation muss man sich ein bisschen mehr zwingen, wirklich zu fragen: Bringt uns das weiter?
Rebecca: Auch die Methoden, die du gerade genannt hast – ob Agile, Lean oder Service Design – keine davon ist ein Allheilmittel. Jede hat ihre Berechtigung, aber man muss schauen, in welchem Kontext man sich gerade bewegt und was es dafür braucht. Keine dieser Methoden macht Veränderung leicht. Veränderung bedeutet immer Reibung, Schwierigkeiten und Rückschläge.
Tim: Die Zeit ist um. (lacht)
409: Ich glaube, du musst trotzdem noch etwas sagen. Was sollten wir als Designdisziplin daraus lernen?
Tim: Mir fällt ein Zitat von Lilly Irani ein – sie ist STS-Wissenschaftlerin und hat ein tolles Buch geschrieben mit dem Titel Chasing Innovation, in dem sie Design Thinking global verfolgt. Und sie hat einen Satz, der mir immer wieder einfällt: "Design improves the world by adding to it." Das finde ich sehr griffig. Und mich würde interessieren: Was bedeutet Design eigentlich, wenn man dieses Addieren hinterfragt? Kann Design auch subtrahieren – oder ist es notwendigerweise immer eine Additions-Logik?
Das unterstreicht noch mal, wie stark diese Abwehrreaktion ist – und warum: Weil etwas Komplexes so weit banalisiert wurde, dass es den Eindruck erweckt, als könne man es mit bestimmten Grundkompetenzen einfach anwenden.
409: Ja, vielen Dank. Ich habe das Gefühl, wir haben viele Themen nur angeschnitten – was vielleicht auch gut ist, das regt zum Denken an. Jetzt freuen wir uns auf eure Fragen aus dem Publikum.
Publikum: Also, die Frage ist: Ist Design Thinking tot? Ich glaube, wir haben es ein Stück weit selbst umgebracht – als Designdisziplin. Warum gibt es so starke Abwehrreaktionen? Keiner von uns will Design Thinking machen, weil es nicht das ist, was wir tun. Und vielleicht ist es genau das Versprechen von Design Thinking – dass eigentlich jeder Designer sein kann – das Designerinnen und Designer abstößt.
Es kann eine Innovationsmethode sein, die Ideen als Produkte hervorbringt. Aber es kann auch ein Prozess sein, der eine Kommunikationsebene schafft, divergentes Denken ermöglicht und im Grunde jedem erlaubt, sich an Designprozessen zu beteiligen – nur eben ohne den klassische Designprozess. Das ist vielleicht der große Affront von Design Thinking an die Designdisziplin?
Tim: Um das zu unterstreichen: Ich war mal ins Design Research Lab der TU Berlin eingeladen – von Gesche Joost. Ich wurde gebeten, Design Thinking nicht im Titel zu nennen, weil der Begriff so verbrannt ist. Das unterstreicht noch mal, wie stark diese Abwehrreaktion ist – und warum: Weil etwas Komplexes so weit banalisiert wurde, dass es den Eindruck erweckt, als könne man es mit bestimmten Grundkompetenzen einfach anwenden. Diesen Impuls kann ich nachvollziehen, weil ich ihn als qualitativer Forscher selbst manchmal hatte: Wenn User Research von Designer:innen so betrieben wurde, dass meine Qualitätsvorstellungen von guter qualitativer Forschung nicht erfüllt worden sind. (lacht)
Rebecca: Design Thinking wurde schlicht zu kommerziell ausgeschlachtet. Das hat auf beiden Seiten zu großen Enttäuschungen geführt: Menschen, die eine Woche lang so einen Workshop absolviert haben und dachten, sie haben jetzt eine tolle neue Methode – aber im Unternehmen bewegt sich danach trotzdem rein gar nichts. Und auf der anderen Seite die Enttäuschung auf Designerseite: Man trifft auf Menschen, die erwarten, dass man sie ein paar Tage mit Post-its unterhält und dann wieder weg ist – ohne jede Wertschätzung für die Expertise und die Tiefe, die jede Designdisziplin mitbringt.
Ben: Ich denke bei mir ist deutlich geworden, dass ich keine starke Abwehrreaktion habe. Ich nehme das, was hilft. (lacht) Wenn ich damit bei Entscheidern weiterkomme oder Werte, die mir wichtig sind, damit im Unternehmen verankern kann, dann nutze ich Design Thinking.
Die Logiken und Methoden des Design Thinking werden nur noch neben anderen, insbesondere Service Design eingesetzt. Es ist so in den Hintergrund getreten, dass es aus meiner Sicht so etwas wie tot ist.
Publikum: Vielen Dank euch. Ich habe zwei Fragen, die erste an Gestalt Error 409: Diesen Untergang, den ihr diagnostiziert, den habe ich selbst noch nicht so wahrgenommen – ich stehe jedenfalls auf der Seite von "endlich". Wie kommt ihr darauf, dass Design Thinking tot ist?
Und die andere Frage an das Panel: Ihr habt den Begriff Design Thinking benutzt, um an Orte zu kommen, an die man vorher keinen Zugang hatte – als Türöffner. Hätte da nicht auch mehr Mut im Design selbst geholfen? Früher zu sagen: Was ich kann, ist wertvoll – auch ohne einen Begriff zu brauchen, der durch Kommerzialisierung so weit abgedriftet ist. Als junger Designer lief mir in meiner Ausbildung immer ein Schauer über den Rücken, wenn wir über Design Thinking geredet haben.
Carl: Der Hype, der vor ein paar Jahren da war, ist einfach vorbei. Design Thinking ist präsent, aber nicht mehr so stark genutzt – zumindest nicht bei den Leuten, die wirklich an der Avantgarde von Design und Business arbeiten.
Sabeth: Ich bereite tatsächlich gerade für nächste Woche einen Workshop vor, bei dem Post-its und Design-Thinking-ähnliche Frameworks zum Einsatz kommen (lacht). In meiner Praxis ist das jedoch nur noch ein kleiner Bruchteil eines Produkt- oder Serviceentwicklungsprozesses. Die Logiken und Methoden des Design Thinking werden nur noch neben anderen, insbesondere Service Design eingesetzt. Es ist so in den Hintergrund getreten, dass es aus meiner Sicht so etwas wie tot ist.
Tim: Post-its sind mehr als Design Thinking – ich benutze sie selbst sehr gerne, ohne Design Thinker zu sein. Und ich habe heute Morgen einen Podcast von Ulrich Weinberg gehört, dem Leiter der School of Design Thinking in Potsdam, der den Titel Design Thinking 4.0 trägt. Das heißt, wir gehen durch die Updates – entsprechend lebt es vielleicht noch. Zum Türöffner nochmal eine Nachfrage an Ben und Rebecca: Was passiert eigentlich, wenn Design Thinking den Fuß in die Tür gebracht hat? Was ist dieser Culture Shift, der mit Hilfe von Design Thinking erzeugt werden kann? Das wird mir immer noch nicht ganz klar. Das würde mich aus eurer Perspektive sehr interessieren.
Ich kenne viele Designer, die in den Unternehmen, in denen ich gearbeitet habe, gar nicht erst eingestellt worden wären, weil das Bewusstsein für Design schlicht fehlte.
Rebecca: Ich glaube schon, dass Mut eine Rolle spielt – und gleichzeitig war der Versuch, mit Design Thinking die Komplexität von Design in eine zugänglichere Sprache zu übersetzen, auch ein wichtiger Schritt um “neue Türen” zu öffnen.
Was konkret entstehen kann, wenn man in der Tür drin ist: Ein Projekt das darauf abzielt, ein bezahlbares, skalierbares und gleichzeitig erstklassiges Schulsystem für die peruanische Mittelschicht zu entwickeln, um die Bildungsqualität des Landes nachhaltig zu steigern. Ein ganzheitliches Bildungsmodell, das innovative Lernmethoden, flexible Architektur und effiziente Betriebsstrategien für ein gesamtes Schulnetzwerk vereint. Das zeigt, was Design bewegen kann, wenn man verschiedene Disziplinen, Expertise, das richtige Mindset und Ausdauer zusammenbringt.
Ben: Zum Thema Türöffner: Ich habe oft erlebt, dass Abteilungen überzeugt waren, genau zu wissen, was ihre Kunden bewegt. Wenn dann Menschen aus verschiedenen Abteilungen zusammengekommen sind, die unterschiedliche Insights hatten, haben sie gemerkt, dass sie eben nicht das vollständige Bild hatten. Das ist ein kleiner Schritt in Richtung Nutzerzentrierung.
Zum Thema Mut: Ich glaube, manche sind auf den Hype aufgesprungen, weil es als Shortcut erschien. Ich kenne viele Designer, die in den Unternehmen, in denen ich gearbeitet habe, gar nicht erst eingestellt worden wären, weil das Bewusstsein für Design schlicht fehlte. Die Designer, die dann doch eingestellt wurden – oft um am Ende etwas hübsch zu machen –, konnten Design Thinking als Hebel nutzen. Weil es durch IDEO und andere als große, externe, vertrauenswürdige Sache etabliert worden war, haben mehr Entscheider daran geglaubt als an die Designerinnen und Designer, die am Ende eines Projekts ein Produkt fertigstellen.
Tim: Damit wir hier auch ein bisschen streiten können: Das Schulbeispiel aus Peru überzeugt mich nicht ganz. Die Grundannahme scheint mir zu sein, dass eine US-amerikanische Designfirma besser über die lokalen Bildungsbedarfe Bescheid weiß, als das dort etablierte Schulsystem und die dort tätigen Lehrenden. Das erschließt sich mir nicht ohne Weiteres.
Rebecca: Ganz kurz dazu: Wir waren dort nicht Ausführende, sondern Enabler. Wir haben lokale Designkompetenz genutzt – IDEO ist schlicht nicht groß genug, um so etwas alleine stemmen zu können. Es gibt inzwischen ein Designcenter in Peru, das lokale Designkompetenz weiter ausbaut. Wir haben gewissermaßen gezündet, nicht von außen übergestülpt. Es war ein gemeinsames Tun, Schaffen und Bewegen.
409: Danke. Zum Abschluss möchte ich euch bitten, kurz zu sagen: leider oder endlich – und dabei einzubeziehen, welches Argument euch besonders ins Denken gebracht hat.
Tim: Es lebt noch.
Rebecca: Ja, ich glaube auch: Es lebt noch. Endlich tot ist, die Kommerzialisierung – auch wenn noch nicht vollständig. Design Thinking lebt in verschiedenen Formen weiter. Und das ist gut so, da im Prozess, den Methoden und Mindset ganz viel Wert drinsteckt.
Ben: Das Design Thinking als vermeintliches Allheilmittel – das ist tot, und das ist auch gut so. Es ist gereift. Und vielleicht heißt es inzwischen gar nicht mehr Design Thinking, sondern Customer Centricity oder User Centricity – etwas in die Richtung. Etwas, das ich von Anfang an persönlich schon immer so gesehen habe, was andere aber erst erleben mussten.
409: Felix Kosok hat es in seiner Eröffnung gesagt: Können wir bitte darüber reden, was das mit Design zu tun hat? Und mein abschließendes Gefühl: Design Thinking hat zwischenzeitlich ein bisschen den Kontakt zu Design verloren. Und nun glaube ich, Design Thinking ist so ein bisschen zu Design zurückgekehrt – weil es so selbstverständlich in die Prozesse eingeflossen ist, die Designer in Unternehmen betreiben, dass es gar nicht mehr etwas Besonderes ist, sondern einfach Teil der Praxis. Vielen Dank euch!
BODY OF KNOWLEDGE
Im Text genannte Quellen
Hale, Tamara. 2018. People Are Not Users. Journal of Business Anthropology 7 (2): 163–183. → CBS Open Journals
Irani, Lilly. 2019. Chasing innovation. Making entrepreneurial citizens in modern India. Princeton studies in culture and technology. Princeton N.J.: Princeton Univ. Press. → Princeton University Press
Seitz, Tim. 2017. Design Thinking und der neue Geist des Kapitalismus. Soziologische Betrachtungen einer Innovationskultur. → Transcript Verlag
ABC Nightline. → Shopping Cart
IDEO. Designing a school system from the ground up → Innova School Peru Projekt
Neuland – Der HPI-Wissenspodcast. School of Design Thinking Potsdam. → Prof. Ulrich Weinberg: Design Thinking 4.0
Über die Speaker:innen
Ben von Linde-Suden
Ben von Linde-Suden baut seit über 20 Jahren Brücken zwischen Nutzer, Business und Technologie. Als UX Director bei Diconium (Volkswagen Group) und SIXT verankerte er nutzerzentrische Designprozesse in agilen Entwicklungsteams. Er ist überzeugt: UX-Verantwortung gehört cross-funktional ins gesamte Team.
Rebecca Könitzer
Vom Design-Thinking zum systemischen Wandel: Als ehem. Design Directorin bei IDEO verankerte Rebecca Human-Centered Design in Regierungen und Konzernen für nachhaltigen Wertbeitrag. Heute befähigt sie Teams und Führungskräfte dazu, Strategie, Innovationsmethoden & menschliche Tiefe radikal zu vereinen.
Dr. Tim Seitz
Tim Seitz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe Universität Frankfurt. In seiner praxistheoretisch und prozesssoziologisch orientierten Forschung interessiert er sich für das gesellschaftliche Verhältnis von Problemen und Lösungen; insbesondere dann, wenn Probleme sich einer Lösbarkeit entziehen.
Mission der WDC 2026
"Alle zwei Jahre verleiht die World Design Organization den Titel World Design Capital an eine Stadt oder Region. 2026 wird Frankfurt RheinMain zur internationalen Bühne für Design. Gemeinsam mit der Region realisieren wir wegweisende Projekte und zahlreiche Veranstaltungen, die zeigen, was Design leisten kann – für die Gesellschaft und die Demokratie, für unser Zusammenleben und unseren Alltag.
Im Laufe des Jahres richtet sich unser Programm nach verschiedenen Themenschwerpunkten. Sie greifen Fragen aus dem Alltag auf, geben dem Programm eine lebendige Struktur und machen die unterschiedlichen Facetten von Design erlebbar."
zitiert nach der WDC → Seite der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026
Ein Projekt von Gestalt Error 409 im Rahmen der WDC 2026
→ Unsere Seite bei der WDC ist noch im Aufbau
Über die WDC 2026
zitiert nach → wdc2026.org/de/ueber-wdc-2026 am 31.1.26
Unsere Vision
Die Welt wirkt aus den Fugen geraten: Krisen prägen Umwelt, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Unsere Demokratie ist von extremen Kräften gefährdet. Was gestern noch galt, scheint heute überholt. Viele Menschen empfinden Unsicherheit, Pessimismus und ein Glas, das stets halbleer scheint. Wir setzen diesem Pessimismus mit der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 mit der Vision „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ ein positives, realistisches Narrativ entgegen: Weg von der Krisenstimmung, hin zu Chancen. Es geht darum, sich nicht von Schlagzeilen leiten zu lassen, sondern von klaren Werten. Nicht Angst soll unser Handeln bestimmen, sondern eine klare Haltung. Wir schaffen Räume, die gemeinsam gestaltet werden können und in denen Menschen wirksam werden können – für eine erlebenswerte Zukunft. WDC will zeigen, was Gestaltung kann: für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, für Innovationen in der Wirtschaft und für unser Klima.
Aus dieser Haltung heraus verfolgt die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 vier zentrale Ziele: die Lebensqualität durch Design zu verbessern und Wandel in der Region zu gestalten, die regionale Identität mit internationaler Strahlkraft auszubauen, nachhaltige Innovationen und Zukunftsfähigkeit zu sichern sowie Demokratie durch partizipative Gestaltung lebendig zu machen.
Was verstehen wir unter Design?
Design bedeutet weit mehr als schöne Produkte oder gelungene Formen. Es ist ein Rahmen, der unser Zusammenleben in allen Bereichen des alltäglichen Lebens prägen kann. Design erarbeitet innovative Lösungen für die relevanten Herausforderungen unserer Gegenwart. Ziel ist dabei immer ein nachhaltiger positiver Effekt auf Umwelt, Wirtschaft, Kommunikation, Politik. Designwissenschaft und Praxis basiert auf fundierten Methoden und systematischer Recherche, um zu optimalen, überprüfbaren Ergebnissen zu kommen. Der eigentlichen Produktentwicklung geht eine detaillierte Analyse von Aufgabenstellung, Kontexten und Nutzungsszenarien voraus. In die Entwicklung fließen Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Disziplinen ein – von Ingenieurs- und Materialwissenschaft bis zu den Sozialwissenschaften. Der Entwurfsprozess ist durch Kriterien wie Nachhaltigkeit, Nutzerfreundlichkeit, reduziertem Materialeinsatz und hoher Recyclingfähigkeit etc. geleitet.Die Aufgabe von Designer:innen ist die Konzeption, Entwicklung und Kommunikation innovativer Produkte und Lösungen, die unsere Gesellschaft zukunftsfähig machen. Design gestaltet eine positive Zukunft und ist damit ein Hebel für die notwendige Transformation von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, stärkt unser soziales Miteinander und macht unsere Werte des Zusammenlebens ästhetisch erlebbar.Entlang der Leitidee Design for Democracy: Atmospheres for a better life zeigt das Zukunftsprogramm der World Design Capital 2026 Frankfurt RheinMain, wie Gestaltung nachhaltige Stadtentwicklung fördert, neue Formen urbanen Wohnens und Arbeitens ermöglicht, Mobilität und Bildung neu denkt, umweltbewusstes Produzieren und Konsumieren unterstützt.
Design als Motor für gesellschaftlichen Wandel
Gleichzeitig befähigt Gestaltung dazu, Veränderungen anzustoßen und handlungsfähig zu werden. Sie stiftet Motivation, wirkt inspirierend und steckt an. Auf diese Weise schafft sie die Grundlage für ein starkes Gemeinschaftsgefühl – und ermöglicht ein demokratisches Zusammenleben. Genau das braucht die Region Frankfurt RheinMain heute besonders.
Die Region Frankfurt RheinMain ist extrem heterogen und polyzentrisch. Sie setzt sich neben der Großstadt FFM auch aus mittelgroßen und kleinen Städten zusammen. Sie ist eines der wichtigsten Wirtschafts- und Finanzzentren in Deutschland und Europa, mit zahlreichen starken Arbeitgebenden, einer Vielzahl von Hochschulen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, schönen Landschaften und Erholungsgebieten. Jedoch hat sich die Region bisher noch nicht gefunden: Es gibt kein gemeinsames Narrativ, das all die unterschiedlichen Aspekte eint. Dies ist eine riesige Chance.
Gestaltung schafft Lösungen für Probleme
Die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 lädt daher dazu ein, eine neue gemeinsame Identität der Region zu schaffen und die zentralen Fragen unserer Zeit gemeinsam anzupacken: Wie können öffentliche Räume echten Mehrwert schaffen? Wie tragen Architektur, Mobilität, Wirtschaft oder Digitalisierung zu mehr Lebensqualität bei? Und welche Rolle spielt Design für eine lebendige Demokratie?
Wir möchten eine Kultur der Zuversicht, des Pragmatismus und der Freude am Handeln fördern. Gemeinsam wollen wir Räume für Ideen öffnen, Verantwortung übernehmen und konkrete Lösungen entwickeln, die lokales Engagement und globale Perspektiven verbinden.
Unsere Kernbotschaften
1. Transformation als Tradition: demokratischer Wandel in Frankfurt RheinMain
Die Region Frankfurt RheinMain hat in gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Krisen immer wieder mit Innovation, Vielfalt und großer Wandlungsfähigkeit überzeugt. Ihr international anerkanntes Erbe reicht von der Paulskirchenbewegung über „Das Neue Frankfurt“ bis zur Mathildenhöhe Darmstadt – Initiativen, die nur durch Zusammenarbeit, Engagement und gemeinschaftliches Handeln möglich waren.
Die Auszeichnung als World Design Capital 2026 verstehen wir nicht als Rückschau, sondern als Auftrag, diese Tradition aktiv fortzuführen.
2. Gestaltung als Hebel für Wandel und Nachhaltigkeit
Gestaltung ist weit mehr als Form – sie ist ein Prozess, der Veränderungen in allen Bereichen unseres Zusammenlebens anstößt. Mobilitäts-, Service-, Kommunikations-, Produkt- und Architekturgestaltung prägen den Alltag und treiben wirtschaftliche Transformation voran. Social Design, politisches Design und Politikgestaltung übersetzen Werte wie demokratischen Zusammenhalt und ökologische Rücksicht in praktische Anwendungen, setzen gesellschaftliche Prozesse in Gang, stärken Verantwortung, Mut, Engagement und Wirksamkeit jedes:r Einzelnen und schaffen Orte, an denen Diskurse stattfinden und Beteiligung möglich ist. Hier und jetzt, in konkreten Räumen und Alltagshandlungen wird Demokratie erlebbar.
3. Gemeinsam gestalten: die Region als Werkstatt für eine erlebenswerte Zukunft und gesellschaftlichen Zusammenhalt
Eine erlebenswerte Zukunft entsteht dort, wo Menschen aktiv mitwirken. In Frankfurt RheinMain entwickeln Bürger:innen, Bildungseinrichtungen, Kultur- und Kreativwirtschaft sowie Unternehmen aller Größen gemeinsam neue Ideen. Mit rund 450 Projekten und bis zu 2.000 Veranstaltungen wird die Region 2026 zu einem lebendigen Experimentierfeld, in dem Verantwortung übernommen, ausprobiert und gemeinsam gestaltet wird – mit Impulsen, die weit über das Jahr hinaus wirken.
Legacy: Was bleibt nach 2026Die Legacy von WDC 2026 basiert auf drei Säulen:
1. Erprobte Praxis: Projekte und Kooperationen, die zeigen, wie Design demokratische Prozesse konkret verbessert
2. Dauerhafte Strukturen: Institutionen, Rollen und Orte, die diese Arbeitsweise über 2026 hinaus tragen
3. Messbare Wirkung: Studien, die sichtbar machen, was sich verändert und was wir daraus lernen
Wie die Legacy wirkt – zwei Bewegungen mit klaren Zielen:
A) Top-down: Design in Verwaltung und Politik verankern – z. B. durch den Design Action Plan 2030, Chief Design Officers, Policy-Experimente und neue umsetzungsstarke Modelle für Projekte im öffentlichen Raum
B) Bottom-up: Demokratische Gestaltungskompetenz in der gesamten Region stärken – z. B. über den FRM Design Hub, die OPEN – Design Week Frankfurt RheinMain und Weiterbildungsangebote
So tragen diese Maßnahmen zu den Kernzielen der WDC 2026 bei:
A) Lebensqualität verbessern & Wandel gestalten: Durch erprobte Projekte und partizipative Formate werden öffentliche Räume, Services und Alltagserfahrungen konkreter, demokratischer und lebenswerter.
B) Regionale Identität & internationale Strahlkraft: Dauerhafte Strukturen und sichtbare Projekte machen Frankfurt RheinMain zu einem Modellstandort für Design, Innovation und gesellschaftliche Zusammenarbeit.
C) Nachhaltige Innovation & Zukunftsfähigkeit: Die Kombination aus top-down- und bottom-up-Maßnahmen etabliert Netzwerke, Kompetenzzentren und Lernformate, die Innovation, Klimaschutz und demokratische Teilhabe langfristig sichern.
Kurz: WDC 2026 hinterlässt eine Region, die Demokratie aktiv gestaltet – mit den Tools, der Kultur und den Kompetenzen, um Teilhabe spürbar und wirksam zu machen – weit über 2026 hinaus.
Interview mit Ben von Linde-Suden, Rebecca Könitzer & Dr. Tim Seitz
Design Thinking ist tot – Leider? Endlich?
Transkript einer Paneldiskussion
MAI 2026
Fragen: Carl Friedrich Then, Sabeth Wiese, Franziska Porsch
Design Thinking war lange Zeit die populärste Designmethode. Von Designer:innen meist eher gehasst als geliebt. Heute scheint die Methode mehr und mehr aus den Portfolios der Agenturen zu verschwinden. Zeit also zu bilanzieren: Was hat Design Thinking mit Designer:innen aber vor allem auch mit der Bedeutung, Wirkung und dem Selbstverständnis von Design gemacht?
Eingeladen haben wir für unsere Paneldiskussion am 24. April im Rahmen der → World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 drei Speaker:innen mit unterschiedlichen Perspektiven. Als UX Director bei Diconium (Volkswagen Group) und zuvor Director User Experience Design bei SIXT verankerte → Ben von Linde-Suden nutzerzentrische Designprozesse in agilen Entwicklungsteams. → Rebecca Könitzer war bis 2024 Design Directorin bei IDEO in München und etablierte Human-Centered Design in Regierungen und Konzernen für nachhaltigen Wertbeitrag. → Dr. Tim Seitz bereicherte das Panel um die akademische Perspektive. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe Universität Frankfurt. 2017 erschien sein Buch → Design Thinking und der neue Geist des Kapitalismus – Soziologische Betrachtungen einer Innovationskultur auf der Basis seiner Masterarbeit.
Die Diskussion eröffnen unsere Speaker:innen mit ihrer Perspektive auf Design Thinking.
Ben von Linde-Suden: Hallo an euch alle! Wir stellen uns ja heute die Frage, ob Design Thinking tot ist. Wenn das wirklich so ist, ist es für mich ein Geist, der durch unsere Büroräume und Teams-Meetings spukt und der bei mir willkommen ist – quasi wie Hui Buh, das Schlossgespenst.
Ich habe in meiner Arbeit die Erfahrung gemacht, dass Design Thinking sehr hilfreich sein kann, wenn es darum geht, Design in Organisationen zu verankern und die Maturity von Design zu erhöhen. Ich habe Design Thinking dabei oft als Werkzeug zur Organisationsentwicklung genutzt, um in Richtung einer Haltung zu kommen, die Design in der Organisation wirklich wertschätzt. Als der Begriff populär wurde, wurde er auch recht schnell aufgegriffen – auch von Disziplinen und Kompetenzen, die nichts mit Design zu tun hatten, auch auf Vorstandsebene zum Beispiel, mit denen ich besonders bei SIXT häufiger zu tun hatte. Design Thinking hat mir oft geholfen, über alle Disziplinen hinweg ein gemeinsames Nutzerverständnis herzustellen.
Dabei bin ich der festen Überzeugung, dass Design Thinking nicht gut funktioniert, wenn kein Experte beziehungsweise kein Designer dabei ist. Und ein einizger Workshop reicht auch nicht aus. Andernfalls ist es mitunter sogar gefährlich: Zum Beispiel, wenn versucht wird tiefgreifende Produktentscheidungen anhand von Klebepunkten zu treffen. Das ist allenfalls eine Priorisierung, aber es darf niemals die Entscheidung selbst sein.
Rebecca Könitzer: Die Frage, ob Design Thinking tot ist, würde ich gerne differenzierter betrachten. Was stirbt da denn eigentlich?
Design Thinking hat im Innovationsbereich - stark beeinflusst durch IDEO – eine echte Legacy. Mir begegnen bis heute Menschen, die sagen: "Ich kenne das Shopping-Cart-Video”, → welches irgendwann in den 90ern aufgenommen wurde. Und gleichzeitig ist Design Thinking durch Kommerzialisierung sehr vereinfacht worden. Auf der einen Seite gut, um es schnell verständlich zu machen und eine gemeinsame Sprache über verschiedene Disziplinen zu schaffen. Auf der anderen Seite übersieht man dann schnell, wie komplex der Prozess und die Methoden eigentlich sind.
Denn es ist eben nicht nur eine Methode. Wenn wir mit Kunden gearbeitet haben, haben wir immer von Skillset und Mindset gesprochen – beides muss zusammenkommen. Wenn nicht, sprechen wir von Innovationstheater. Wenn wir Design Thinking definieren wollen, ist es die Betrachtung eines Problems aus verschiedenen Perspektiven. Bei IDEO haben wir immer gefragt 1) Desirability: Wollen es die Menschen? 2) Viability: Kann es die Organisation umsetzen? 3) Feasibility: Ist es technisch möglich? Und was in den letzten Jahren dazugekommen ist, Gott sei Dank, 4) Responsibility: Welche Auswirkungen hat es? Deshalb war Design Thinking für mich nie eine Antwort, sondern eher eine Einladung, bessere Fragen zu stellen. Das ist für mich der Kern.
Design Thinking ist nur ein Kompass, der uns hilft zu navigieren, liefert aber nicht automatisch Antworten.
Tim Seitz: Meine Beschäftigung mit Design Thinking liegt schon ein paar Jahre zurück – das war definitiv nicht in den 90ern, aber trotzdem war das Konzept damals sehr angesagt. Vor etwa zehn Jahren – während ich mein Buch darüber schrieb – habe ich Zeit mit einer Agentur verbracht und mich seitdem auch nicht mehr so intensiv wie damals mit dem Thema beschäftigt. Auf die Frage hin „Ist Design Thinking tot?“ habe ich deshalb nochmal recherchiert und eine interessante Zahl gefunden: In der Weiterbildungsdatenbank der Bundesagentur für Arbeit liefert der Suchbegriff "Design Thinking" 1.705 Treffer.
Wenn die Bundesagentur für Arbeit es als etabliertes Weiterbildungskonzept anbietet, würden wir wohl sagen: Es hat seine Innovativität ein Stück weit verloren. Was dabei natürlich in eine paradoxe Situation führt: Eine Methode, die mal als extrem innovativ galt und deren Ziel es ist, Innovationen hervorzubringen, hat ihre eigene Innovativität eingebüßt. Ob das heißt, dass Design Thinking tot ist, weiß ich nicht genau – aber man könnte auch sagen, es lebt, nur vielleicht an Orten, wo man das erstmal nicht vermuten würde.
409: Danke euch für eure einleitenden Worte. Reden wir eigentlich über dieselbe Form von Design Thinking? In Tims Buch geht es oft um die Materialität von Design Thinking – den Time Timer und die Post-its. Reden wir alle von Workshops mit Methodensheets und Post-its, mit LEGO und Timeboxing – oder von welcher Form redet ihr eigentlich?
Rebecca: Als ich bei IDEO angefangen habe, dachte ich: Gib mir doch mal bitte die eine Prozessübersicht von Design Thinking, da muss es doch irgendeine Standardpräsentation geben. Die ‘Eine’ gab es nicht – weil es einfach 50.000 verschiedene Ausprägungen gab, wie dieser Prozess in unterschiedlichen Kontexten und Unternehmen genutzt wurde.
Wenn Design Thinking gelehrt wird – insbesondere in einem Wochenend-Workshop – gibt es oftmals den bekannten Prozess mit fünf Stufen, der dazu verleitet zu denken, wenn man diesen linear durchläuft, kommt man automatisch zur innovativen Lösung. Und genau das ist die Crux. Man unterschätzt, wie vielschichtig Innovation ist, wie viel Expertise es braucht, und wie chaotisch – also wirklich vor, zurück, rauf, runter – das Durchlaufen von komplexen Fragestellungen ist. Wir bewegen uns in einem Umfeld, wo wir nicht wissen, was wir nicht wissen. Und Design Thinking ist nur ein Kompass, der uns hilft zu navigieren, liefert aber nicht automatisch Antworten.
Ben: Wie ich eingangs auch schon gesagt habe: Für mich war der Workshop allenfalls der Türöffner – um anderen zu zeigen, dass es Sinn macht, sich auf Nutzerbedürfnisse zu konzentrieren, und das auch zusammen mit Menschen zu tun, die sich mehr ums Business kümmern. Selbst wenn ich nicht gerne Design Thinking-Workshops mit Menschen mache, die sich gar nicht mit Design auskennen, weil ich halt immer wieder bei null anfangen muss: Ich habe gemerkt, dass wenn du Leute an Bord kriegen musst und zwar mit etwas Pragmatischem, das nicht so lange dauert, aber das Potenzial hat, sich ins Organisationsdenken und in die Kultur zu verlängern, dann ist ein DesignThinking-Workshop ein wirksamer Türöffner. Ich habe das das mit einem Abteilungsleiterkreis gemacht – ein halbes Jahr später war Design Thinking im Pflichtprogramm eines Leadership-Entwicklungsprogramms. Damit ist das Design noch nicht in der Organisation verankert, aber es ist ein Anfang.
Tim: Die Frage war, was meine Definition ist – das ist schwierig. Dabei besteht in den Kontexten, die wir diskutieren, eine gewisse Einigkeit darüber, was man nicht tut: nämlich diese oberflächliche Variante, wo Leute einfach durch einen Workshop getrieben werden. Es gibt wahrscheinlich sehr viele verschiedene Praktiken, die als Design Thinking bezeichnet werden – und alle wissen, dass sie diese kritisch betrachtete Art nicht machen.
Was ich bei euch heraushöre, ist so eine Prozess-Produkt-Unterscheidung: Entweder entwickelt Design Thinking etwas – eine Lösung für ein komplexes Problem. Oder es ist ein Prozess, der Leute mit verschiedenen Hintergründen zur Zusammenarbeit bringt und einen Austausch ermöglicht, der sonst nicht möglich wäre. Je nach Kontext steht dann der eine oder der andere Aspekt im Vordergrund. Festschreiben lässt sich das nicht.
409: Ich höre dabei raus, dass es bei SIXT tendenziell schon auch den Klischee-Design-Thinking-Workshop gab – aber halt nur als Einstieg in einen viel längeren Prozess. Gab es den bei IDEO gar nicht, oder war das eher sowas, was als Sales-Event und Happening für den Kunden veranstaltet wurde?
Rebecca: Einen Design Thinking-Workshop an sich gab es bei uns nicht – da es unsere Art und Weise zu arbeiten ist. Design Thinking war ein Teil unseres Vorgehens, genauso wie agile, Human-Centered Mindset und andere. Design Thinking hat uns vielmehr dazu gedient, eine gemeinsame Sprache über verschiedene Disziplinen hinweg zu definieren und dann eine Verschiebung weg vom Output – also Produkt oder Service – hin zum Outcome zu leisten. Das hat man gut an den Projekttypen über die Jahre hinweg gesehen: Wir haben mit eher produktfokussierten Projekten angefangen und sind immer mehr zu Systemen übergegangen – bis hin zum gesamten Schulsystem in Südamerika oder ich habe mit der Regierung in Dubai zusammengearbeitet, um Human-Centered Design in ‘Policy Making’ einzubringen.
Denn wenn man davon spricht, ein Problem zu lösen – to fix a problem –, bedeutet fix einerseits reparieren, andererseits aber auch festschreiben, fixieren.
409: Du hast jetzt auch schon die Nutzerzentrierung angesprochen – da würde ich nochmal die kritische Frage stellen: Ist Design Thinking wirklich nah am Nutzer – oder wird hier oft nur ein Klischeebild beschworen, eine Persona, die gar nicht in echten Studien fundiert ist? Was ist da eure Erfahrung aus der Praxis?
Ben: Wenn tatsächlich so ein inflationärer Design Thinking-Workshop mal eben eingestreut wird, dann ist das auf gar keinen Fall fundiert. So etwas habe ich zuhauf gesehen. Deshalb habe ich immer dafür gesorgt, dass Experten dabei sind und man mit einem Fundament reingeht: Der Designer nimmt die anderen Kompetenzen mit, lässt sie bei professionell vorbereiteten Interviews zuschauen. Das ist für mich der erste Schritt – den Menschen zu zeigen, wie Nutzer reagieren, wenn sie dein Produkt benutzen. Dann können auch Nicht-Designer einigermaßen fundierte Klebezettel an die Wand bringen, sodass dieser Teil der Übung auf Evidenzen und Fakten basiert. Das muss klar sein: Das passiert nicht, wenn kein professioneller Designer dabei ist. Für mich ist eine Vorarbeit hier absolut notwendig.
Rebecca: Zur Frage, ob Design Thinking wirklich nutzerzentriert ist: Wir sind zwar in jedem Projekt zu Personas oder Archetypen gelangt – denn man versucht natürlich, die Masse an potenziellen Endnutzern zu verdichten. Aber dahinter steckte ganz viel Research, Expertise, Empathie und qualitatives Verstehen der Bedürfnisse, Verhalten und Herausforderungen von Menschen.
Mir fällt gerade ein Beispiel ein. Es ging um einen Pharmakonzern und darum, wie Pillenverpackungen gestaltet sind. Ich habe noch heute das Bild klar im Kopf: Wir waren bei einer älteren Dame, die ihre Pillenschachtel mit dem Brotmesser aufgemacht hat, weil sie sie sonst einfach nicht aufbekam. Für sie war ein eine natürliche Lösung für ihr Problem, für uns ein echtes Potenzial. Beim Beobachten, Verstehen und vielen Fragenstellen, verstehen wir wo ungenutzte Potenziale sind und können diese in Innovation übersetzen. Genau das ist Teil von Design Thinking: sich wirklich die Zeit zu nehmen, qualitativ gutes Research und Nutzer wirklich zu verstehen.
Tim: Ich denke gerade an einen Aufsatz von Tamara Hale, der den Titel People Are Not Users trägt . Das finde ich eine spannende Unterscheidung. Und dein Beispiel mit dem Brotmesser und der Pillenpackung ist perfekt, weil es ein ganz klassischer Fall ist: Ein Produkt, das im Grunde nicht auf Usability optimiert ist. Gleichzeitig finde ich es – weil Design Thinking so schwammig und schwer definierbar ist und immer weiter hochskaliert wurde auf die Entwicklung von Systemen – persönlich immer schwieriger nachzuvollziehen, wer eigentlich noch die Nutzer sind und was ihre Probleme sind.
Denn wenn man davon spricht, ein Problem zu lösen – to fix a problem –, bedeutet fix einerseits reparieren, andererseits aber auch festschreiben, fixieren. Je komplexer die Anwendungsfälle werden, desto mehr braucht es Menschen, die – und das ist jenes paternalistische Moment, über das ich auch geschrieben habe – genau zu wissen meinen, was eigentlich die Probleme der Nutzer sind. Je diffuser die Problemstellungen werden, desto mehr Bauchschmerzen bereitet mir das.
409: Damit sind wir jetzt endlich auch direkt bei der Frage angekommen, ob Design Thinking die Welt zu einem besseren Ort macht. Dahinter stecken für mich eigentlich zwei Fragenstellungen: Sind die Outcomes gut? Und hilft uns die Methodik prinzipiell, bessere Lösungen zu entwickeln? Selbst wenn Personas nicht fundiert sind, können sie zu einer sinnvollen Mensch-Zentrierung beitragen.
Rebecca: Für mich macht es die Welt in dem Sinne besser, weil Design Thinking ein Weg war Design den Einfluss zu geben, den es braucht , um bei Entscheidungen in Organisationen und Systemen mit Wirken zu können. Und ich bin überzeugt, dass Design dringend gebraucht wird, um die großen Herausforderungen und komplexen Fragestellungen von heute und morgen anzugehen.
Ob es dabei Design Thinking heißen muss, ist für mich eher ein Fragezeichen. Ich würde es lieber als Design Doing sehen – weniger im Sinne von Workshops, mehr im Sinne von: Wir wollen wirklich etwas verändern, Systeme beeinflussen, Potenziale entdecken und echten positiven Wertbeitrag leisten.
[D]as hat viel damit zu tun, was IDEO und viele andere Agenturen und Dienstleister geleistet haben: Sie haben Design Thinking einen Namen gegeben, es als Methode verkauft – und das waren Menschen, denen die Entscheider geglaubt haben.
Ben: Warum hat es Design Thinking geschafft, Design und nutzerzentriertes Denken in Unternehmen zu verankern – und nicht Design selbst? Liegt es daran, dass Design in Deutschland oft ganz anders verstanden wird als im Englischen? Im Englischen ist Design die Entwicklung von etwas, in Deutschland ist es oft das Anmalen, das Verschönern.
Design war für die Menschen in diesen Unternehmen entweder etwas sehr Gestalterisches, bei dem sie nicht verstanden, warum das Business das braucht, oder etwas rein Visuell-Digitales, das man hinten raus im Projekt macht – dann macht man es noch ein bisschen hübsch. Und da hat Design Thinking etwas geschafft, was Design so nicht geschafft hat. Und ich glaube, das hat viel damit zu tun, was IDEO und viele andere Agenturen und Dienstleister geleistet haben: Sie haben Design Thinking einen Namen gegeben, es als Methode verkauft – und das waren Menschen, denen die Entscheider geglaubt haben.
Tim: Ob die Welt durch Design Thinking besser geworden ist – ich versuche mal ein Argument aus soziologischer Perspektive zu machen. Design Thinking lässt sich interpretieren als Ausdruck des neuen Geistes des Kapitalismus, in dem Kreativität, Authentizität und Teamwork als neue Leitkriterien auftreten. Die etwas ernüchternde Pointe: Es handelt sich um die Inkorporierung einer Kritik, die den Kapitalismus dadurch letztlich weiterleben lässt.
Das ist eine Diagnose, bei der man ein bisschen ratlos dasteht und sich fragt: Und was jetzt? Ich würde sie heute auch nicht mehr so unbedingt heranziehen, weil ich sie selbst nicht sehr produktiv finde. Was man aber sagen kann: Die Frage ist, ob die Probleme, die einer besseren Gesellschaft entgegenstehen, eigentlich Probleme sind, die auf innovative Lösungen warten. Da bin ich nicht sicher. Viele Stimmen – man nehme die Klimakrise – sagen: Es fehlen uns nicht die Technologien oder die klugen Ideen für Veränderung. Die Hindernisse liegen auf anderen Ebenen. Mein Eindruck ist, dass die Neigung, jedes Problem als Mangel an Innovativität zu rahmen, langsam an Überzeugungskraft verliert.
Rebecca: Ich gehe da teilweise mit. Aber ich glaube, dass gerade da auch Innovation eine Brücke schlagen kann – zwischen dem, was heute ist, und dem, was übermorgen möglich wäre. Wir werden das System nicht von heute auf morgen auf zum Beispiel regeneratives Wirtschaften umstellen. Aber wie wir dahin kommen, wie wir das System positiv beeinflussen können und sich scheinbar gegensätzliche Pole verbinden lassen, das lässt sich mit Hilfe von zum Beispiel Design Thinking neu denken.
Keine dieser Methoden macht Veränderung leicht. Veränderung bedeutet immer Reibung, Schwierigkeiten und Rückschläge.
409: Leider muss ich aufgrund der Zeit hier einen Schnitt machen. Meine letzte Frage: Design Thinking wurde ein bisschen abgelöst durch Service Design und Social Design, und als Innovationsmethode von Agile und Lean Startup überholt. Was sollten wir aus dieser Entwicklung lernen?
Ben: Da fallen mir auch andere Dinge ein, wie New Work oder ähnliche Konzepte, die auftauchen und – wenn man sie nicht konsequent einführt und wirklich verankert – auch schnell wieder verschwinden. Dann werden Menschen eingestellt für diese Themen, und haben nach einiger Zeit, wenn dem Trend nur oberflächlich gefolgt wurde und dann aber vorbei ist, keine Zukunft in der Organisation. Deshalb: Man muss sich wirklich angucken, passt das zu meiner Organisation? Das ist ein normaler Hype-Cycle – aber als Organisation muss man sich ein bisschen mehr zwingen, wirklich zu fragen: Bringt uns das weiter?
Rebecca: Auch die Methoden, die du gerade genannt hast – ob Agile, Lean oder Service Design – keine davon ist ein Allheilmittel. Jede hat ihre Berechtigung, aber man muss schauen, in welchem Kontext man sich gerade bewegt und was es dafür braucht. Keine dieser Methoden macht Veränderung leicht. Veränderung bedeutet immer Reibung, Schwierigkeiten und Rückschläge.
Tim: Die Zeit ist um. (lacht)
409: Ich glaube, du musst trotzdem noch etwas sagen. Was sollten wir als Designdisziplin daraus lernen?
Tim: Mir fällt ein Zitat von Lilly Irani ein – sie ist STS-Wissenschaftlerin und hat ein tolles Buch geschrieben mit dem Titel Chasing Innovation, in dem sie Design Thinking global verfolgt. Und sie hat einen Satz, der mir immer wieder einfällt: "Design improves the world by adding to it." Das finde ich sehr griffig. Und mich würde interessieren: Was bedeutet Design eigentlich, wenn man dieses Addieren hinterfragt? Kann Design auch subtrahieren – oder ist es notwendigerweise immer eine Additions-Logik?
Das unterstreicht noch mal, wie stark diese Abwehrreaktion ist – und warum: Weil etwas Komplexes so weit banalisiert wurde, dass es den Eindruck erweckt, als könne man es mit bestimmten Grundkompetenzen einfach anwenden.
409: Ja, vielen Dank. Ich habe das Gefühl, wir haben viele Themen nur angeschnitten – was vielleicht auch gut ist, das regt zum Denken an. Jetzt freuen wir uns auf eure Fragen aus dem Publikum.
Publikum: Also, die Frage ist: Ist Design Thinking tot? Ich glaube, wir haben es ein Stück weit selbst umgebracht – als Designdisziplin. Warum gibt es so starke Abwehrreaktionen? Keiner von uns will Design Thinking machen, weil es nicht das ist, was wir tun. Und vielleicht ist es genau das Versprechen von Design Thinking – dass eigentlich jeder Designer sein kann – das Designerinnen und Designer abstößt.
Es kann eine Innovationsmethode sein, die Ideen als Produkte hervorbringt. Aber es kann auch ein Prozess sein, der eine Kommunikationsebene schafft, divergentes Denken ermöglicht und im Grunde jedem erlaubt, sich an Designprozessen zu beteiligen – nur eben ohne den klassische Designprozess. Das ist vielleicht der große Affront von Design Thinking an die Designdisziplin?
Tim: Um das zu unterstreichen: Ich war mal ins Design Research Lab der TU Berlin eingeladen – von Gesche Joost. Ich wurde gebeten, Design Thinking nicht im Titel zu nennen, weil der Begriff so verbrannt ist. Das unterstreicht noch mal, wie stark diese Abwehrreaktion ist – und warum: Weil etwas Komplexes so weit banalisiert wurde, dass es den Eindruck erweckt, als könne man es mit bestimmten Grundkompetenzen einfach anwenden. Diesen Impuls kann ich nachvollziehen, weil ich ihn als qualitativer Forscher selbst manchmal hatte: Wenn User Research von Designer:innen so betrieben wurde, dass meine Qualitätsvorstellungen von guter qualitativer Forschung nicht erfüllt worden sind. (lacht)
Rebecca: Design Thinking wurde schlicht zu kommerziell ausgeschlachtet. Das hat auf beiden Seiten zu großen Enttäuschungen geführt: Menschen, die eine Woche lang so einen Workshop absolviert haben und dachten, sie haben jetzt eine tolle neue Methode – aber im Unternehmen bewegt sich danach trotzdem rein gar nichts. Und auf der anderen Seite die Enttäuschung auf Designerseite: Man trifft auf Menschen, die erwarten, dass man sie ein paar Tage mit Post-its unterhält und dann wieder weg ist – ohne jede Wertschätzung für die Expertise und die Tiefe, die jede Designdisziplin mitbringt.
Ben: Ich denke bei mir ist deutlich geworden, dass ich keine starke Abwehrreaktion habe. Ich nehme das, was hilft. (lacht) Wenn ich damit bei Entscheidern weiterkomme oder Werte, die mir wichtig sind, damit im Unternehmen verankern kann, dann nutze ich Design Thinking.
Die Logiken und Methoden des Design Thinking werden nur noch neben anderen, insbesondere Service Design eingesetzt. Es ist so in den Hintergrund getreten, dass es aus meiner Sicht so etwas wie tot ist.
Publikum: Vielen Dank euch. Ich habe zwei Fragen, die erste an Gestalt Error 409: Diesen Untergang, den ihr diagnostiziert, den habe ich selbst noch nicht so wahrgenommen – ich stehe jedenfalls auf der Seite von "endlich". Wie kommt ihr darauf, dass Design Thinking tot ist?
Und die andere Frage an das Panel: Ihr habt den Begriff Design Thinking benutzt, um an Orte zu kommen, an die man vorher keinen Zugang hatte – als Türöffner. Hätte da nicht auch mehr Mut im Design selbst geholfen? Früher zu sagen: Was ich kann, ist wertvoll – auch ohne einen Begriff zu brauchen, der durch Kommerzialisierung so weit abgedriftet ist. Als junger Designer lief mir in meiner Ausbildung immer ein Schauer über den Rücken, wenn wir über Design Thinking geredet haben.
Carl: Der Hype, der vor ein paar Jahren da war, ist einfach vorbei. Design Thinking ist präsent, aber nicht mehr so stark genutzt – zumindest nicht bei den Leuten, die wirklich an der Avantgarde von Design und Business arbeiten.
Sabeth: Ich bereite tatsächlich gerade für nächste Woche einen Workshop vor, bei dem Post-its und Design-Thinking-ähnliche Frameworks zum Einsatz kommen (lacht). In meiner Praxis ist das jedoch nur noch ein kleiner Bruchteil eines Produkt- oder Serviceentwicklungsprozesses. Die Logiken und Methoden des Design Thinking werden nur noch neben anderen, insbesondere Service Design eingesetzt. Es ist so in den Hintergrund getreten, dass es aus meiner Sicht so etwas wie tot ist.
Tim: Post-its sind mehr als Design Thinking – ich benutze sie selbst sehr gerne, ohne Design Thinker zu sein. Und ich habe heute Morgen einen Podcast von Ulrich Weinberg gehört, dem Leiter der School of Design Thinking in Potsdam, der den Titel Design Thinking 4.0 trägt. Das heißt, wir gehen durch die Updates – entsprechend lebt es vielleicht noch. Zum Türöffner nochmal eine Nachfrage an Ben und Rebecca: Was passiert eigentlich, wenn Design Thinking den Fuß in die Tür gebracht hat? Was ist dieser Culture Shift, der mit Hilfe von Design Thinking erzeugt werden kann? Das wird mir immer noch nicht ganz klar. Das würde mich aus eurer Perspektive sehr interessieren.
Ich kenne viele Designer, die in den Unternehmen, in denen ich gearbeitet habe, gar nicht erst eingestellt worden wären, weil das Bewusstsein für Design schlicht fehlte.
Rebecca: Ich glaube schon, dass Mut eine Rolle spielt – und gleichzeitig war der Versuch, mit Design Thinking die Komplexität von Design in eine zugänglichere Sprache zu übersetzen, auch ein wichtiger Schritt um “neue Türen” zu öffnen.
Was konkret entstehen kann, wenn man in der Tür drin ist: Ein Projekt das darauf abzielt, ein bezahlbares, skalierbares und gleichzeitig erstklassiges Schulsystem für die peruanische Mittelschicht zu entwickeln, um die Bildungsqualität des Landes nachhaltig zu steigern. Ein ganzheitliches Bildungsmodell, das innovative Lernmethoden, flexible Architektur und effiziente Betriebsstrategien für ein gesamtes Schulnetzwerk vereint. Das zeigt, was Design bewegen kann, wenn man verschiedene Disziplinen, Expertise, das richtige Mindset und Ausdauer zusammenbringt.
Ben: Zum Thema Türöffner: Ich habe oft erlebt, dass Abteilungen überzeugt waren, genau zu wissen, was ihre Kunden bewegt. Wenn dann Menschen aus verschiedenen Abteilungen zusammengekommen sind, die unterschiedliche Insights hatten, haben sie gemerkt, dass sie eben nicht das vollständige Bild hatten. Das ist ein kleiner Schritt in Richtung Nutzerzentrierung.
Zum Thema Mut: Ich glaube, manche sind auf den Hype aufgesprungen, weil es als Shortcut erschien. Ich kenne viele Designer, die in den Unternehmen, in denen ich gearbeitet habe, gar nicht erst eingestellt worden wären, weil das Bewusstsein für Design schlicht fehlte. Die Designer, die dann doch eingestellt wurden – oft um am Ende etwas hübsch zu machen –, konnten Design Thinking als Hebel nutzen. Weil es durch IDEO und andere als große, externe, vertrauenswürdige Sache etabliert worden war, haben mehr Entscheider daran geglaubt als an die Designerinnen und Designer, die am Ende eines Projekts ein Produkt fertigstellen.
Tim: Damit wir hier auch ein bisschen streiten können: Das Schulbeispiel aus Peru überzeugt mich nicht ganz. Die Grundannahme scheint mir zu sein, dass eine US-amerikanische Designfirma besser über die lokalen Bildungsbedarfe Bescheid weiß, als das dort etablierte Schulsystem und die dort tätigen Lehrenden. Das erschließt sich mir nicht ohne Weiteres.
Rebecca: Ganz kurz dazu: Wir waren dort nicht Ausführende, sondern Enabler. Wir haben lokale Designkompetenz genutzt – IDEO ist schlicht nicht groß genug, um so etwas alleine stemmen zu können. Es gibt inzwischen ein Designcenter in Peru, das lokale Designkompetenz weiter ausbaut. Wir haben gewissermaßen gezündet, nicht von außen übergestülpt. Es war ein gemeinsames Tun, Schaffen und Bewegen.
409: Danke. Zum Abschluss möchte ich euch bitten, kurz zu sagen: leider oder endlich – und dabei einzubeziehen, welches Argument euch besonders ins Denken gebracht hat.
Tim: Es lebt noch.
Rebecca: Ja, ich glaube auch: Es lebt noch. Endlich tot ist, die Kommerzialisierung – auch wenn noch nicht vollständig. Design Thinking lebt in verschiedenen Formen weiter. Und das ist gut so, da im Prozess, den Methoden und Mindset ganz viel Wert drinsteckt.
Ben: Das Design Thinking als vermeintliches Allheilmittel – das ist tot, und das ist auch gut so. Es ist gereift. Und vielleicht heißt es inzwischen gar nicht mehr Design Thinking, sondern Customer Centricity oder User Centricity – etwas in die Richtung. Etwas, das ich von Anfang an persönlich schon immer so gesehen habe, was andere aber erst erleben mussten.
409: Felix Kosok hat es in seiner Eröffnung gesagt: Können wir bitte darüber reden, was das mit Design zu tun hat? Und mein abschließendes Gefühl: Design Thinking hat zwischenzeitlich ein bisschen den Kontakt zu Design verloren. Und nun glaube ich, Design Thinking ist so ein bisschen zu Design zurückgekehrt – weil es so selbstverständlich in die Prozesse eingeflossen ist, die Designer in Unternehmen betreiben, dass es gar nicht mehr etwas Besonderes ist, sondern einfach Teil der Praxis. Vielen Dank euch!
BODY OF KNOWLEDGE
Im Text genannte Quellen
Hale, Tamara. 2018. People Are Not Users. Journal of Business Anthropology 7 (2): 163–183. → CBS Open Journals
Irani, Lilly. 2019. Chasing innovation. Making entrepreneurial citizens in modern India. Princeton studies in culture and technology. Princeton N.J.: Princeton Univ. Press. → Princeton University Press
Seitz, Tim. 2017. Design Thinking und der neue Geist des Kapitalismus. Soziologische Betrachtungen einer Innovationskultur. → Transcript Verlag
ABC Nightline. → Shopping Cart
IDEO. Designing a school system from the ground up → Innova School Peru Projekt
Neuland – Der HPI-Wissenspodcast. School of Design Thinking Potsdam. → Prof. Ulrich Weinberg: Design Thinking 4.0
Über die Speaker:innen
Ben von Linde-Suden
Ben von Linde-Suden baut seit über 20 Jahren Brücken zwischen Nutzer, Business und Technologie. Als UX Director bei Diconium (Volkswagen Group) und SIXT verankerte er nutzerzentrische Designprozesse in agilen Entwicklungsteams. Er ist überzeugt: UX-Verantwortung gehört cross-funktional ins gesamte Team.
Rebecca Könitzer
Vom Design-Thinking zum systemischen Wandel: Als ehem. Design Directorin bei IDEO verankerte Rebecca Human-Centered Design in Regierungen und Konzernen für nachhaltigen Wertbeitrag. Heute befähigt sie Teams und Führungskräfte dazu, Strategie, Innovationsmethoden & menschliche Tiefe radikal zu vereinen.
Dr. Tim Seitz
Tim Seitz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe Universität Frankfurt. In seiner praxistheoretisch und prozesssoziologisch orientierten Forschung interessiert er sich für das gesellschaftliche Verhältnis von Problemen und Lösungen; insbesondere dann, wenn Probleme sich einer Lösbarkeit entziehen.
Mission der WDC 2026
"Alle zwei Jahre verleiht die World Design Organization den Titel World Design Capital an eine Stadt oder Region. 2026 wird Frankfurt RheinMain zur internationalen Bühne für Design. Gemeinsam mit der Region realisieren wir wegweisende Projekte und zahlreiche Veranstaltungen, die zeigen, was Design leisten kann – für die Gesellschaft und die Demokratie, für unser Zusammenleben und unseren Alltag.
Im Laufe des Jahres richtet sich unser Programm nach verschiedenen Themenschwerpunkten. Sie greifen Fragen aus dem Alltag auf, geben dem Programm eine lebendige Struktur und machen die unterschiedlichen Facetten von Design erlebbar."
zitiert nach der WDC → Seite der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026
Ein Projekt von Gestalt Error 409 im Rahmen der WDC 2026
→ Unsere Seite bei der WDC ist noch im Aufbau
Über die WDC 2026
zitiert nach → wdc2026.org/de/ueber-wdc-2026 am 31.1.26
Unsere Vision
Die Welt wirkt aus den Fugen geraten: Krisen prägen Umwelt, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Unsere Demokratie ist von extremen Kräften gefährdet. Was gestern noch galt, scheint heute überholt. Viele Menschen empfinden Unsicherheit, Pessimismus und ein Glas, das stets halbleer scheint. Wir setzen diesem Pessimismus mit der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 mit der Vision „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ ein positives, realistisches Narrativ entgegen: Weg von der Krisenstimmung, hin zu Chancen. Es geht darum, sich nicht von Schlagzeilen leiten zu lassen, sondern von klaren Werten. Nicht Angst soll unser Handeln bestimmen, sondern eine klare Haltung. Wir schaffen Räume, die gemeinsam gestaltet werden können und in denen Menschen wirksam werden können – für eine erlebenswerte Zukunft. WDC will zeigen, was Gestaltung kann: für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, für Innovationen in der Wirtschaft und für unser Klima.
Aus dieser Haltung heraus verfolgt die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 vier zentrale Ziele: die Lebensqualität durch Design zu verbessern und Wandel in der Region zu gestalten, die regionale Identität mit internationaler Strahlkraft auszubauen, nachhaltige Innovationen und Zukunftsfähigkeit zu sichern sowie Demokratie durch partizipative Gestaltung lebendig zu machen.
Was verstehen wir unter Design?
Design bedeutet weit mehr als schöne Produkte oder gelungene Formen. Es ist ein Rahmen, der unser Zusammenleben in allen Bereichen des alltäglichen Lebens prägen kann. Design erarbeitet innovative Lösungen für die relevanten Herausforderungen unserer Gegenwart. Ziel ist dabei immer ein nachhaltiger positiver Effekt auf Umwelt, Wirtschaft, Kommunikation, Politik. Designwissenschaft und Praxis basiert auf fundierten Methoden und systematischer Recherche, um zu optimalen, überprüfbaren Ergebnissen zu kommen. Der eigentlichen Produktentwicklung geht eine detaillierte Analyse von Aufgabenstellung, Kontexten und Nutzungsszenarien voraus. In die Entwicklung fließen Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Disziplinen ein – von Ingenieurs- und Materialwissenschaft bis zu den Sozialwissenschaften. Der Entwurfsprozess ist durch Kriterien wie Nachhaltigkeit, Nutzerfreundlichkeit, reduziertem Materialeinsatz und hoher Recyclingfähigkeit etc. geleitet.Die Aufgabe von Designer:innen ist die Konzeption, Entwicklung und Kommunikation innovativer Produkte und Lösungen, die unsere Gesellschaft zukunftsfähig machen. Design gestaltet eine positive Zukunft und ist damit ein Hebel für die notwendige Transformation von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, stärkt unser soziales Miteinander und macht unsere Werte des Zusammenlebens ästhetisch erlebbar.Entlang der Leitidee Design for Democracy: Atmospheres for a better life zeigt das Zukunftsprogramm der World Design Capital 2026 Frankfurt RheinMain, wie Gestaltung nachhaltige Stadtentwicklung fördert, neue Formen urbanen Wohnens und Arbeitens ermöglicht, Mobilität und Bildung neu denkt, umweltbewusstes Produzieren und Konsumieren unterstützt.
Design als Motor für gesellschaftlichen Wandel
Gleichzeitig befähigt Gestaltung dazu, Veränderungen anzustoßen und handlungsfähig zu werden. Sie stiftet Motivation, wirkt inspirierend und steckt an. Auf diese Weise schafft sie die Grundlage für ein starkes Gemeinschaftsgefühl – und ermöglicht ein demokratisches Zusammenleben. Genau das braucht die Region Frankfurt RheinMain heute besonders.
Die Region Frankfurt RheinMain ist extrem heterogen und polyzentrisch. Sie setzt sich neben der Großstadt FFM auch aus mittelgroßen und kleinen Städten zusammen. Sie ist eines der wichtigsten Wirtschafts- und Finanzzentren in Deutschland und Europa, mit zahlreichen starken Arbeitgebenden, einer Vielzahl von Hochschulen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, schönen Landschaften und Erholungsgebieten. Jedoch hat sich die Region bisher noch nicht gefunden: Es gibt kein gemeinsames Narrativ, das all die unterschiedlichen Aspekte eint. Dies ist eine riesige Chance.
Gestaltung schafft Lösungen für Probleme
Die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 lädt daher dazu ein, eine neue gemeinsame Identität der Region zu schaffen und die zentralen Fragen unserer Zeit gemeinsam anzupacken: Wie können öffentliche Räume echten Mehrwert schaffen? Wie tragen Architektur, Mobilität, Wirtschaft oder Digitalisierung zu mehr Lebensqualität bei? Und welche Rolle spielt Design für eine lebendige Demokratie?
Wir möchten eine Kultur der Zuversicht, des Pragmatismus und der Freude am Handeln fördern. Gemeinsam wollen wir Räume für Ideen öffnen, Verantwortung übernehmen und konkrete Lösungen entwickeln, die lokales Engagement und globale Perspektiven verbinden.
Unsere Kernbotschaften
1. Transformation als Tradition: demokratischer Wandel in Frankfurt RheinMain
Die Region Frankfurt RheinMain hat in gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Krisen immer wieder mit Innovation, Vielfalt und großer Wandlungsfähigkeit überzeugt. Ihr international anerkanntes Erbe reicht von der Paulskirchenbewegung über „Das Neue Frankfurt“ bis zur Mathildenhöhe Darmstadt – Initiativen, die nur durch Zusammenarbeit, Engagement und gemeinschaftliches Handeln möglich waren.
Die Auszeichnung als World Design Capital 2026 verstehen wir nicht als Rückschau, sondern als Auftrag, diese Tradition aktiv fortzuführen.
2. Gestaltung als Hebel für Wandel und Nachhaltigkeit
Gestaltung ist weit mehr als Form – sie ist ein Prozess, der Veränderungen in allen Bereichen unseres Zusammenlebens anstößt. Mobilitäts-, Service-, Kommunikations-, Produkt- und Architekturgestaltung prägen den Alltag und treiben wirtschaftliche Transformation voran. Social Design, politisches Design und Politikgestaltung übersetzen Werte wie demokratischen Zusammenhalt und ökologische Rücksicht in praktische Anwendungen, setzen gesellschaftliche Prozesse in Gang, stärken Verantwortung, Mut, Engagement und Wirksamkeit jedes:r Einzelnen und schaffen Orte, an denen Diskurse stattfinden und Beteiligung möglich ist. Hier und jetzt, in konkreten Räumen und Alltagshandlungen wird Demokratie erlebbar.
3. Gemeinsam gestalten: die Region als Werkstatt für eine erlebenswerte Zukunft und gesellschaftlichen Zusammenhalt
Eine erlebenswerte Zukunft entsteht dort, wo Menschen aktiv mitwirken. In Frankfurt RheinMain entwickeln Bürger:innen, Bildungseinrichtungen, Kultur- und Kreativwirtschaft sowie Unternehmen aller Größen gemeinsam neue Ideen. Mit rund 450 Projekten und bis zu 2.000 Veranstaltungen wird die Region 2026 zu einem lebendigen Experimentierfeld, in dem Verantwortung übernommen, ausprobiert und gemeinsam gestaltet wird – mit Impulsen, die weit über das Jahr hinaus wirken.
Legacy: Was bleibt nach 2026Die Legacy von WDC 2026 basiert auf drei Säulen:
1. Erprobte Praxis: Projekte und Kooperationen, die zeigen, wie Design demokratische Prozesse konkret verbessert
2. Dauerhafte Strukturen: Institutionen, Rollen und Orte, die diese Arbeitsweise über 2026 hinaus tragen
3. Messbare Wirkung: Studien, die sichtbar machen, was sich verändert und was wir daraus lernen
Wie die Legacy wirkt – zwei Bewegungen mit klaren Zielen:
A) Top-down: Design in Verwaltung und Politik verankern – z. B. durch den Design Action Plan 2030, Chief Design Officers, Policy-Experimente und neue umsetzungsstarke Modelle für Projekte im öffentlichen Raum
B) Bottom-up: Demokratische Gestaltungskompetenz in der gesamten Region stärken – z. B. über den FRM Design Hub, die OPEN – Design Week Frankfurt RheinMain und Weiterbildungsangebote
So tragen diese Maßnahmen zu den Kernzielen der WDC 2026 bei:
A) Lebensqualität verbessern & Wandel gestalten: Durch erprobte Projekte und partizipative Formate werden öffentliche Räume, Services und Alltagserfahrungen konkreter, demokratischer und lebenswerter.
B) Regionale Identität & internationale Strahlkraft: Dauerhafte Strukturen und sichtbare Projekte machen Frankfurt RheinMain zu einem Modellstandort für Design, Innovation und gesellschaftliche Zusammenarbeit.
C) Nachhaltige Innovation & Zukunftsfähigkeit: Die Kombination aus top-down- und bottom-up-Maßnahmen etabliert Netzwerke, Kompetenzzentren und Lernformate, die Innovation, Klimaschutz und demokratische Teilhabe langfristig sichern.
Kurz: WDC 2026 hinterlässt eine Region, die Demokratie aktiv gestaltet – mit den Tools, der Kultur und den Kompetenzen, um Teilhabe spürbar und wirksam zu machen – weit über 2026 hinaus.
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