Interview mit Charlie Singer-Fischer, Marco Kellhammer & Prof. Betty Schimmelpfennig
Idealismus im Designstudium – Was ist schlimmer: Zynismus oder Naivität?
Transkript einer Paneldiskussion
Fragen: Carl Friedrich Then, Sabeth Wiese, Franziska Porsch
AUG 2026
Im Designstudium geht es viel um die unterschätzten Kräfte von Design für die Gestaltung einer besseren Welt. Doch beim Jobeinstieg stellen viele Designer:innen fest: die alltägliche Realität sieht ganz anders aus. Das führt oftmals zu Enttäuschung, ewiger Jobsuche oder Flucht in andere Branchen. Sollten Designer:innen ehrlicher auf diese Welt vorbereitet werden? Und vor allem: Wie realistisch ist eigentlich der positive Einfluss von Designer:innen außerhalb von Nonprofit-Projekten?
Am 23. Juni haben wir im Rahmen der → World Design Capital Frankfurt RheinMain mit → Charlie Singer-Fischer, → Professorin Betty Schimmelpfennig und → Marco Kellhammer im Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main darüber diskutiert. Aus drei verschiedenen Blickwinkeln haben sie über ihre Erfahrungen berichtet: Charlie Singer-Fischer hat ihr Kommunikationsdesign-Studium 2024 beendet und gewann mit ihrer Abschlussarbeit den Wilhelm-Braun-Feldweg Förderpreis für designkritische Texte. Seitdem arbeitet sie als angestellte Grafikdesignerin und verfolgt nebenbei eigene Projekte. Betty Schimmelpfennig ist sowohl in der Lehre als Professorin für Crossmediale Gestaltung tätig als auch Managing Partner/Co-Founder von → Elastique., einer Kreativagentur in Köln. Sie engagiert sich u. a. in Jurys und als Mentorin im ADC und DDC. Marco Kellhammer arbeitet an der Schnittstelle von Gestaltung und Forschung. Er lehrte Industrial Design an der Technischen Universität München mit Schwerpunkt Sustainability und Social Design und untersucht in seiner Promotion, welche Rolle Design in Transformationsprojekten spielt.
409: Wir möchten den Abend gerne mit einem Eingangsstatement von euch beginnen: Was ist für euch Idealismus?
Charlie Singer-Fischer: Also, ich würde sagen: Wenn man etwas idealistisch betrachtet, dann schaut man auf die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie sie sein könnte. Dabei orientiert man sich an Idealen wie Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und gesellschaftlichem Nutzen und versucht, sein Verhalten und seine Handlungen daran auszurichten. Der Knackpunkt ist für mich, dass man idealistisch handelt, obwohl man weiß, dass man diese Ideale gar nicht vollständig erreichen kann.
Ich würde dazu gern kurz eine Anekdote erzählen. Nach einem Vortrag über mein Buch kam ein älterer Mann auf mich zu, sagen wir mal so 80, und meinte: Super vorgetragen, aber das ist schon auch ganz schön naiv, was Sie da geschrieben haben. Sie sind ja aber auch noch jung.
Im Zuge des heutigen Themas habe ich darüber noch einmal nachgedacht. Ich finde, man muss klar zwischen Naivität und Idealismus unterscheiden. Idealismus hat ja durchaus einen realistischen Bezug, er betrachtet die Welt da draußen realistisch, bezieht aber trotzdem die Vorstellung mit ein, wie es sein sollte und was wir anstreben.
Wenn man diesen Anteil von Realismus im Idealismus anerkennt, dann ist das oft gedachte Gegenteil von Idealismus gar nicht mehr der Realismus – sondern vielmehr die Resignation. Und da positioniere ich mich klar: Wenn wir resignieren, dann passiert gar nichts mehr, und dann können wir es eigentlich auch gleich ganz lassen.
Betty Schimmelpfennig: Da würde ich mich anschließen. Die Gegenüberstellung von Zynismus und Naivität finde ich ein bisschen kurz gegriffen, weil uns beides nicht weiterbringt. Zynismus verhindert Weiterentwicklung, Naivität verkennt die Realität. Ich denke, es braucht das, was du beschrieben hast: eine Art wirksamen, informierten Idealismus mit Realitätsanbindung. Für mich ist Idealismus keine romantische Haltung, sondern echte Arbeit, ein echtes Commitment, Verantwortung zu übernehmen, für das, was wir gestalten und was wir damit auslösen.
Aus Perspektive der Unternehmerin weiß ich, dass Gestaltung nie im luftleeren Raum passiert. Sie ist immer an wirtschaftliche, politische und technologische Systeme angebunden. Und ich glaube, darin liegt eine ganz wichtige Aufgabe: dass wir als Gestalter:innen versuchen, diese Systeme, soweit es geht, aktiv mitzugestalten – gerade auch im Kontext von KI wird das entscheidend. Die Welt retten werden wir wahrscheinlich nicht, aber wir können sie ein bisschen besser machen.
So viel aus der Perspektive der Unternehmerin. In der Lehre beobachte ich – das hattet ihr auch mal schön auf LinkedIn geschrieben – eine Flucht ins Analoge, in die künstlerisch-experimentelle Gestaltung, eine starke Selbstzentrierung. Es entstehen wunderbare Printprodukte, artsy Installationen und dann kommt die Frage: Kann ich damit Geld verdienen?
Die wenigsten können das, da sollte man realistisch sein. Darin sehe ich eine Art überhöhten Idealismus ohne Realitätsbezug, und ich bin sicher, dass die Design-Education hier ansetzen muss: Studierende müssen lernen, innerhalb realer Systeme wirksam zu werden. Dabei bin ich totale Idealistin – sonst könnte ich meinen Job nicht machen.
Ich denke, man kann seine Erwartungshaltung immer anpassen, ohne gleich desillusioniert zu sein – also realistisch schauen: Welche Möglichkeiten habe ich denn gerade?
Charlie: Ich finde auch spannend, was du sagst. Ich hätte es für mich einen reifen Idealismus genannt, du hast jetzt informierten Idealismus gesagt. Das finde ich wichtig festzuhalten: Er baut auf einem Realismus auf. So viele Leute denken einfach, das sei naiv. Und das ist eigentlich selbst eine naive Wahrnehmung davon.
409: Wie ist das bei dir, Marco?
Marco Kellhammer: Als ich darüber nachgedacht habe, wie sich Idealismus für mich verändert hat und was er für mich bedeutet, habe ich gemerkt, dass er mich definitiv zum Designstudium getrieben hat. In einer Infoveranstaltung zum Designstudium hieß es, man könne mit Design die Welt verändern. Während des Studiums habe ich mich dann gefragt, wie dieses Weltverändern eigentlich funktioniert – aber genau das hat mich gereizt. Damals, in der Finanzkrise 2007/2008, waren diese Designstudiengänge für mich eine Möglichkeit, positiv auf Veränderung zu blicken und ein bisschen idealistisch wirksam werden zu können.
Im Laufe des Studiums wurde die Frage für mich konkreter: Wie machen wir das genau? Und wofür? Denn ganz viele Aufträge kamen von Unternehmen, die immer noch das Gleiche gemacht haben, nur ein bisschen grüner angestrichen. Und so kam für mich viel stärker die Frage auf: Für wen möchte ich als Designer arbeiten?
Für mich ist Idealismus immer etwas sehr Immaterielles, rein wertegetrieben. Meine Designpraxis ist aber zugleich in der materiellen Welt verankert. Irgendwann bin ich auf den Begriff des normativen Kompasses gestoßen. Den finde ich für meine Arbeit sehr hilfreich. Er kommt auch aus der Nachhaltigkeitsforschung. Wir orientieren uns dabei an Werten, die uns als Gesellschaft und den Planeten Erde im Fortbestehen sichern. Diese informierte Gestaltung ist für mich etwas sehr Anschlussfähiges.
Ich finde, es erhöht die Kreativität sogar, wenn ich nicht im luftleeren Raum arbeite, sondern weiß: Es gibt diese ökologischen Deckel und Grenzen, an denen ich mich orientieren muss, oder eine Richtung, in die wir uns als Gesellschaft bewegen wollen. Von daher habe ich mich in diesem Zwischen von Zynismus und Naivität auch nicht wiedergefunden. Denn für mich ist das Idealistische in mir das, was sehr produktiv ist. Naivität und Zynismus habe ich eher als destruktiv empfunden. Und da würde ich mich auch nicht verorten.
409: Andererseits, schaut man auf die letzten zehn Jahre politisch und ökologisch: Wohin hat uns denn der Idealismus gebracht? Viele haben sich idealistisch eingesetzt, und doch ist eher das Gegenteil passiert… eine polarisiertere Gesellschaft, aufgeweichte ökologische Regeln, weniger gesellschaftliche Wertschätzung.
Betty: Da antworte ich aus einer Designer:innen-Perspektive heraus sehr lösungsorientiert und pragmatisch. Ich denke, man kann seine Erwartungshaltung immer anpassen, ohne gleich desillusioniert zu sein – also realistisch schauen: Welche Möglichkeiten habe ich denn gerade? Kommunikationsdesign macht im Grunde nichts anderes: Ich analysiere das Setting, prüfe meine Handlungsspielräume – und komme dann ins konkrete Gestalten, also ins Machen!
Und genau das ist der Punkt: Zwischen „Ich würde gern“ und „Ich mache“ liegt ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. In der Agentur merke ich das teilweise: Wir bieten dem Team an, in einem gewissen Rahmen eigene Projekte, eigene Themen und eigene Kund:innenvorschläge mit einzubringen. Und wenn es dann ans Machen geht, wird klar, dass hier ganz schön viel Eigenverantwortung, Drive und Engagement gefragt ist. Wirklich „Machen“ im eigenen idealistischen Setting heißt dann auch: Hands-on! Dann muss man dann auch wirklich loslegen.
Charlie: Wahrscheinlich ist es, wie so oft im Leben, am Ende ein Mittelweg. Statt sich zu fragen, wie idealistisch ich sein kann, darf oder sollte, muss man sich eher fragen: Wie viel Idealismus kann ich in meinem Alltag aushalten, ohne daran zu zerbrechen? Das knüpft genau an das an, was du gesagt hast: Wenn man ein Modell für sich findet, wie man das mit sich, seinen Werten und seinen Idealen vereinen kann. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich einen Agenturjob habe, der vier Tage die Woche umfasst.
Ich habe das Glück, dort nur vier Tage zu arbeiten, weil das für mich ein Lösungsweg war: So habe ich noch diesen einen Tag in der Woche, also vier Tage im Monat, die ich anders investieren kann. Für mich sind das eher erste Schritte in der Lehre, bei denen ich das Gefühl habe, dass man Werten etwas gerechter werden kann, im Sinne von Wissensvermittlung. Natürlich gibt es auch in der Agentur Projekte, die eher meinem idealistischen Werdegang entsprechen, und andere, die es weniger tun.
Und ganz ehrlich: Manchmal sitze ich da und muss sagen: “Boah”. Ich versuche, meinen Studis beizubringen: Hört auf, Scheiße zu gestalten, die die Welt nicht mehr braucht. Und dann muss ich selbst ein neues Reality-Format-Logo für DSDS gestalten. (Alle lachen) Da denke ich: Wie finde ich das jetzt eigentlich? Das tut dann schon mal weh. Aber es erinnert mich an ein Modell, das Victor Papanek in seinem Buch Design for the Real World in den 70ern beschrieben hat. Er nutzt das finnische Wort „kymmenykset“, das so viel bedeuten soll wie „ein Zehntel“. Im traditionellen Sinne war das so: Bauern sollten am Ende des Jahres ein Zehntel ihrer Ernte an Bedürftige geben, reiche Menschen zehn Prozent ihres Ertrags. Er spricht von einem Modell, bei dem man – sei es alle zehn Tage oder zehn Prozent einer Lebensarbeitszeit – etwas für das Gemeinwohl investiert. Das hat mich daran erinnert, wie ich meinen Arbeitsalltag konkret gestalten und besser mit meiner idealistischen Einstellung vereinen kann: Denn am Ende muss auch ich meine Miete zahlen, das Brötchen muss auf den Tisch.
Das ist der Realismus, den ich schlucken muss. Aber auch dort gibt es Handlungsspielräume, die eben kleiner sind: nachhaltige Produktionswege, etwas barrierefreier oder inklusiver gestalten, Institutionen menschlicher machen. Das war vielleicht so ein Modell, an dem ich mich orientieren kann.
Einerseits geht es darum, in kleineren Handlungsräumen zu agieren. Aber ich habe trotzdem manchmal das Gefühl einer Hilflosigkeit, fast eines Schmerzes.
Marco: Du hattest ja gefragt, wohin uns der Realismus gebracht hat – und ich finde das gar nicht so negativ. Gerade wenn man sich Designströmungen anschaut, Arts & Crafts, den Werkbund, Buckminster Fuller, Papanek, all das: Die waren ja alle eine Antwort, oder der Versuch einer Antwort, auf eine negative industrielle und gesellschaftliche Entwicklung. Wenn man sich anschaut, wie Städte unter der Industrialisierung ausgesehen haben, dann hat sich durch die veränderten Produktionsbedingungen sehr viel zum Positiven verändert. Wir haben heute wahrscheinlich lebenswertere Städte als während der Hochphase der Industrialisierung. Damit will ich nicht sagen, dass wir heute keine Probleme hätten – wir haben durchaus wieder Probleme. Aber wo wir heute stehen, ob wir gescheitert sind oder ob wir alle resignieren sollten, weil die Gesellschaft polarisierter ist, das können wir zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht so eindeutig beurteilen. Der Blick in die Vergangenheit und in die Designgeschichte zeigt aber, dass man Antworten finden kann, wenn man dieses gestaltende Mindset beibehält oder sogar verstärkt – und es gesellschaftlich öffnet. Das macht Design in den letzten Jahren vermehrt: Man sagt auch mal, wir wissen es selbst nicht, aber wir machen einen Prozess daraus. Die World Design Capital macht das sehr gut, mit dem Thema „Design for Democracy“. Man sagt: Wir haben die Kreativprozesse, und wir möchten das kollektive Wissen versammeln, um mit der Komplexität der Herausforderungen künftig klarzukommen. Das finde ich einen sehr interessanten Prozess, ohne dass es aktuell direkt Lösungen gibt. Ich blicke da tatsächlich nicht so negativ drauf.
409: Das hört sich ja wirklich positiv an. Das heißt, dass ihr wirklich alle Überzeugungstäter seid, oder? Also man hört gerade nicht wirklich etwas Regressives oder Depressives bei euch raus.
Betty: Ja, und ich finde: Je länger man in unserem Bereich unterwegs ist, desto mehr sieht man, dass man viele Möglichkeiten für das wirkliche Leben von Idealismus im beruflichen Kontext hat, neben Konzepten und Ideen als Endprodukt. Es geht auch um das Transformieren im Prozess. Das versuchen wir bei Elastique: Über Projekte eine Haltung ins Unternehmen hineinzutragen. Es müssen nicht praktische Arbeiten sein; man kann Idealismus auch von innen heraus oder strategisch angehen.
Marco: Vielleicht verändert sich ja auch dieser Wohlstandsbegriff. Wir haben gerade über das Modell gesprochen, zehn Prozent der Arbeit für das Gemeinwohl aufzuwenden. Aber ist Wohlstand weiterhin nur, Geld zu verdienen? Oder finden wir Wohlstand vielleicht sogar verstärkt in der Betätigung, in sinnvoller Arbeit? Das sind ja auch Fragestellungen, mit denen wir uns beschäftigen: Was ist eigentlich die Zukunft der Arbeit in Zeiten von KI? Das wird sich in den nächsten Jahren massiv verschieben. Ich glaube, diesen Wohlstandsbegriff, der rein auf den finanziellen Dingen beruht – klar, wir müssen alle überleben und leben –, würde ich ein bisschen weiten, über das Materielle hinaus. Vielleicht gibt uns auch die Orientierung an Werten etwas zurück.
Idealismus [...] Das ist eher ein Begriff der heutigen Zeit, glaube ich.
Charlie: Ich muss aber auch dazusagen: Wir sind uns hier noch relativ einig, das ist eigentlich schön. Es ist gut und wichtig, dass man genau diese Ideale für sich identifiziert, sie anstrebt und diese Grundeinstellung beibehält. Trotzdem muss ich einfach sagen, dass ich es immer wieder schwierig finde. Ich rede da aus der Erfahrung, als ich aus dem Studium raus war und Jobs gesucht habe – und wie manche dieser Jobs, die ich gemacht habe, dann abliefen. Das war, salopp gesagt, ein Schlag ins Gesicht. Ich vertrete diese Einstellungen zu hundert Prozent, auch viele Texte, die ich lese und mit Katharina Ruß lehre: Verlangsamung, Redesign; auch Anna Unterstab sagt, man müsse langfristig bei Projekten bleiben, damit sie wirklich wirksam werden; oder Gerhard Schweppenhäuser spricht von Maximen, die wir umsetzen sollen. Ich finde das in der Theorie immer so gut. Auch das, was wir gerade besprechen, ist alles toll: Wir müssen die Welt verändern. Aber mir fehlt oft die Brücke zum tatsächlichen, alltäglichen Handeln.
Einerseits geht es darum, in kleineren Handlungsräumen zu agieren. Aber ich habe trotzdem manchmal das Gefühl einer Hilflosigkeit, fast eines Schmerzes: Wenn das jetzt schon alles war, was ich mit meinem Handeln tun kann, dann ist das immer wieder auch deprimierend.
409: Marco, Betty: Welche konkreten Erlebnisse oder Entscheidungen haben euren Idealismus geprägt oder verändert? Was war ein dämpfendes Erlebnis, was hat euch stärker in Richtung Idealismus gebracht?
Marco: Bei mir war es so: Wir mussten während des Bachelorstudiums ein Praxissemester machen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, in eine klassische Agentur zu gehen. Das habe ich auch bei Kommilitonen gemerkt: viele haben das Studium noch abgeschlossen, sind danach aber in eine ganz andere Richtung außerhalb des Designs gegangen. Ich hatte mir zwei, drei Stellen herausgesucht, die anders als eine klassische Agentur waren und ganz stark dieses Nachhaltigkeitsthema hatten, und hatte das Glück, dort einen Praktikumsplatz zu finden und mich ernsthafter mit dieser Debatte auseinanderzusetzen. Fürs Auslandssemester war ich dann in Rio, in Brasilien, und das war für mich total dämpfend, wie das Designstudium dort lief. Das hat sich inzwischen komplett verändert, muss ich sagen. Das Designverständnis an der Gastuniversität zielte stark in Richtung Produktdesign, insbesondere Möbel, für wohlhabende Menschen. Und parallel, direkt nebenan in den Favelas, hätte es genug Gestaltungsaufgaben gegeben, mit denen man sich hätte auseinandersetzen können. Das war für mich sehr frustrierend, und ich habe damals tatsächlich überlegt, das Designstudium abzubrechen.
Betty: Ich habe an einer Kunsthochschule studiert, das war sehr frei, sehr selbstzentriert. Den Begriff Idealismus habe ich dort überhaupt nie gehört. Das ist eher ein Begriff der heutigen Zeit, glaube ich. Idealismus war damals kein Thema, und ich hatte auch nie das Gefühl, frustriert zu sein, weil sich sowieso sehr viel um die eigene Perspektive gedreht hat. Dann kam der Aufschlag in meinem ersten Job. Der Berufsalltag hat mich damals schon sehr frustriert, muss ich sagen. Ich habe wirklich lange gebraucht, um da reinzukommen. Ich hätte fast freie Kunst studiert, insofern war das für mich härter, als ich es zum Beispiel bei meinem Mann beobachtet habe, der sehr serviceorientiert ist. Dann haben wir uns zusammen selbstständig gemacht, auch aus dem Bedürfnis heraus, etwas Eigenes zu machen, eine Wahl zu haben: Mit wem arbeite ich, wofür, und wie kann ich Inhalte mitbeeinflussen? Über die Jahre merkt man dann, dass das zu einem gewissen Maß möglich ist. Wir kultivieren das in der Agentur: Wir schauen, dass wir über die Projekte eine Haltung ins Unternehmen hineintragen, und wir beziehen das Team stark mit ein. Auch wenn wir die Arbeit mit neuen Kund:innen aufnehmen, diskutieren wir das im Team und entscheiden gemeinsam. Wir arbeiten mit dem Team soweit möglich auf Augenhöhe. Und wenn etwas nicht passt, kann es auch sein, dass wir uns trennen. Nicht vom Team, sondern vom Kunden! (Alle lachen)
Oder wenn wir jemanden oder eine Sache sponsern, schauen wir natürlich genau, wer das ist, was sie machen. Wie z. B. gerade das International Gender Network. Über diese aktive und bewusste Auswahl kann man Idealismus durchaus vorantreiben.
Start-ups [...] haben viel mehr Raum für Idealismus geboten als klassische Unternehmen, weil sie sehr dynamisch sind und sich bewusst davon differenziert haben.
409: Die Brüche, die ihr beschrieben habt, haben mit dem Übergang vom Studium in die Arbeitswelt zu tun. Das lenkt auf die Frage: Wie wird im Design ausgebildet? Wenn es diese Brüche gibt, woran liegt das? Und was müsste, kann oder sollte sich an der Lehre ändern, damit der Bruch weniger stark ist? Und was sollte man den Studierenden vielleicht vorher sagen?
Marco: In meinem eigenen Masterstudium dann – das Seminar hieß Design Enterprise und umfasste zwei Semester – ging es darum, Designstudierende mit Start-ups, die hauptsächlich aus dem Umfeld der TU München kamen, in Semesterarbeiten zusammenzubringen. Design sollte hier nicht heißen „ich mache das jetzt noch hübsch“ oder „ich verpacke das noch“, sondern sich schon in der Gründung und in der Entwicklung des Produkts, des Unternehmens und der Unternehmensidentität ansiedeln. Bei mir ist daraus ein sehr soziales Start-up beziehungsweise ein Verein → überkochen e.V. entstanden. Später, als ich gelehrt habe, kamen Start-ups aus dem Biotech-Bereich und Feldern wie Medizintechnik. Die haben viel mehr Raum für Idealismus geboten als klassische Unternehmen, weil sie sehr dynamisch sind und sich bewusst davon differenziert haben. Das hat sehr gut funktioniert. Viele Absolvent:innen wurden in diese Start-ups, sofern sie ausgegründet wurden, übernommen und haben dort ihre ersten Berufsjahre verbracht. Das haben wir dann verstärkt verfolgt, sodass auch gemeinsame Abschlussarbeiten möglich waren.
Das unterscheidet sich stark von der künstlerischen Designausbildung, weil es hier schon sehr um Unternehmensaspekte geht. Aber mein Eindruck war – und das haben die Studierenden auch immer wieder zurückgespiegelt –, dass viel mehr Raum geboten wurde, sich wirklich einzubringen. So gab es nicht diesen harten Cut: schöne Designprojekte im Studium und dann plötzlich die Konfrontation mit der realen Welt in der Agentur, nach dem Motto „ich muss das jetzt machen und darf nicht hinterfragen, warum Firma XY hier was auch immer tut“.
Charlie: Ich kann mir vorstellen, dass sich das stark unterscheidet, je nachdem, wo man studiert, an welcher Fakultät und in welchem Fach. Ich kann nur von meinem Standpunkt sprechen, vom Kommunikationsdesign an meiner Uni. Schon bei uns ist allein das Industriedesign ein bisschen anders gepolt, glaube ich.
Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich bin unglaublich naiv in dieses Studium gestartet und war wahrscheinlich auch sehr lange naiv. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob ich das verwerfen würde, weil es diese anfängliche Naivität auch braucht. Es braucht auch diese Grundlagenlehre, die ich gar nicht angreifen würde. Als ich angefangen habe, hatte ich überhaupt keine Ahnung, was Design eigentlich ist. Formsprache zu lernen, mit all den möglichen Facetten erst einmal in Berührung zu kommen – das ist unglaublich wichtig. Eine Hochschule muss vielleicht auch so eine Art naiver Schutzraum sein, damit überhaupt erst Zukünfte gedacht werden können. Damit man sich erst einmal mit dem schönsten, optimalen Printprojekt denkt: Wow, so etwas geht — und das habe ich mir alles ausgedacht, das ist doch geil. Ich glaube, ich habe das gebraucht, um diese Motivation und den Antrieb zu entwickeln, wirklich Bock darauf zu haben. Aber ich glaube, dass es dann ein bisschen dabei stehen bleibt. Es müsste eine behutsame Überführung von dieser Naivität in einen, sagen wir, reifen Idealismus stattfinden. Ehrlich gesagt habe ich das nicht nur beim Übergang von der Uni in die Arbeitswelt empfunden, sondern auch beim Übergang von der Schule in die Welt danach; so wie ich keine Ahnung von Steuern und Finanzen hatte. Auch die Welt nach dem Studium sah anders aus, als ich dachte. Ich finde schon, dass Themen wie Geschäftsmodelle dazugehören: Wie schreibe ich ein Angebot? Welches Geld kann ich für welche Arbeit nehmen? Das sind ökonomische Faktoren, die ich unglaublich wichtig finde. Man sollte auch daran heranführen, dass ein ökonomischer Faktor ein riesiges Gestaltungsmaterial ist. Das umzingelt heute leider einfach meine Projekte, weil es ein großer Faktor ist: Wie viel Zeit habe ich, mit wie viel Intensität und Mühe darf ich da rangehen? Ich glaube schon, dass das mehr stattfinden kann – vielleicht aber eher gegen Ende des Studiums.
Auch die theoretische Ebene war (da kann ich wieder nur von meiner Fakultät erzählen) eher meine eigene Reise; ich habe selbst dazu gefunden. Das war der Moment, als ich all die Texte gelesen habe und dachte: Ich muss mich als Gestalterin eigentlich selbst abschaffen. Nein – aber es ist unglaublich wichtig, das von der Theorie wirklich in die Praxis zu überführen. Diese Brücke wird, finde ich, selten geschlagen. Es gibt ein paar Theoriekurse und dann Konzeptkurse. Auch da kann ich nur von meinem eigenen Erleben sprechen.
Betty: Ja, das glaube ich auch, da kann man unterscheiden. Ich sehe es stufenweise. Ich würde gar nicht von Naivität sprechen, wenn man mit dem Studium beginnt, sondern eher von Offenheit: Man kennt noch keine eingeschliffenen Muster, hat einen frischen Blick auf die Dinge und macht einfach mal drauf los. Das finde ich total gut, und so soll es gerade im Grundstudium auch sein. Bei uns im Studiengang Kommunikationsdesign an der Hochschule RheinMain sind ab dem dritten Semester alle zusammen in Wahlpflichtkursen, wo man kann sich Themen und Schwerpunkte aussuchen kann.
Dort gibt es dann sehr viele Praxisangebote, auch mit Realitätsanbindung: Ausstellungsprojekte, Kooperationen, man fährt zusammen zu einem Kongress, einer Konferenz. Oder man überlegt sich: Was kann ich mit meiner Bachelorarbeit tun, damit sie nicht in der Schublade landet?!
Besagte Realitätsanbindung beginnt bei mir schon im zweiten Semester: Es geht um ein stark konzeptionelles Arbeiten, darum, relevante Themen einzubinden, immer zu schauen, wer der Absender und wer die Zielgruppe ist. Natürlich komme ich aus einem angewandten Setting, aber ich versuche immer den Spagat zwischen künstlerisch-experimentell und angewandt hinzubekommen.
Einen Realitätsbezug zu schaffen, danach frage ich eigentlich immer — das ist letztlich eine Haltung, die man vorlebt; es geht darum, den Studierenden früh einen Einblick zu geben, was nach dem Studium passieren kann und sie entsprechend darauf vorzubereiten. Letzte Woche haben wir beispielsweise im Portfolio-Kurs über alternative Möglichkeiten im Rahmen des Berufsstarts gesprochen: Da ist eine Studentin, die sehr aktivistisch veranlagt ist und meinte, sie wisse gar nicht, wohin sie ihr Portfolio überhaupt schicken solle, weil sie Agenturen nicht interessieren. Da haben wir besprochen, dass man sich auch über Themen, über eine Haltung nähern kann. Man kann sich z. B. bei Vereinen bewerben und im Sinne einer bestimmten Sache arbeiten, sich so für etwas einsetzen.
Mit den Werkzeugen, die ich während des Studiums gelernt habe, eröffnet sich mir ein großes Feld an sinnvollen Designaufgaben.
409: Wir haben darüber geredet, welche Strukturen und Angebote Hochschulen eröffnen sollten. Auf der anderen Seite stehen die Studis. Welche Veränderungen würdet ihr euch aus eurer Position als Lehrende von euren Studierenden wünschen? Was müssen die von sich aus leisten, damit sie ihren Idealismus besser in der realen Welt verankern?
Betty: Wirklich realistisch zu überlegen: Was sind meine Möglichkeiten? Diese Klischee-Idealismus-Brille mal abzulegen und zu sagen: Okay, das ist das Leben, das ist auch nicht immer nur schön, nicht immer instagrammable. Es gibt einfach zähe Strecken, auch im Beruflichen. In jedem Beruf gibt es Phasen und Tätigkeiten, die man nicht so gerne macht. Ich glaube, es ist eine aktive Entscheidung, eine Haltungsfrage: Möchte ich das Gute in meiner Arbeit sehen? Und wenn ich es nicht sehe, habe ich immer noch die freie Entscheidung, etwas anderes zu machen. Also weg von diesem Passiven „ich lasse mir etwas servieren“ hin zu einer aktiven Verantwortung für sich selbst. Und dann auch den Mut zu haben, etwas sein zu lassen oder noch einmal nachzujustieren. Das würde ich mir persönlich wünschen.
Marco: Da würde ich anschließen. Viele kommen ja mit Idealvorstellungen oder noch mit alten Idealen, im Industriedesign etwa mit Star-Designern und der Vorstellung, wie sie arbeiten. Das ist alles total cool, hochpreisig und wird in Magazinen abgebildet. Im Studium merken sie dann vielleicht, dass das nicht ganz vereinbar ist. Es sind ja ganz wenige, die das wirklich schaffen, das haben wir vorhin schon gesagt. Wichtig ist dann zu erkennen: Mit den Werkzeugen, die ich während des Studiums gelernt habe, eröffnet sich mir ein großes Feld an sinnvollen Designaufgaben. Ich spreche da vor allem vom öffentlichen Sektor: öffentlicher Raum, Schulen, Bildung. Da gibt es wirklich Handlungsbedarf und da sind Designer:innen auch wirklich gefragt. Das ist ein etwas anderes Arbeiten, weil es viele Gestaltungsvorgaben gibt, die durchaus auch sinnvoll sind. Aber ich kann mich wirklich einbringen. Es ist vielleicht ein anderes Designverständnis als das, mit dem ich ins Studium gestartet bin, aber es ist ein sehr gutes Feld. Dafür offen zu sein und dann, genau wie du sagst, dort aktiv zu werden – und nicht in die Frustration oder in den Zynismus zu gehen und zu sagen: „Ich habe das nicht geschafft, deshalb ist jetzt alles nicht so cool.“ Sondern zu sagen: Jetzt schaue ich mir, mit dem, was ich kann, die Felder an, wo wirklich etwas zu machen ist.
Charlie: Ja, aus der Erfahrung mit den Studis, mit denen wir in Kontakt waren, würde ich auch sagen: Haltung entwickeln – wirklich eine klare Haltung – und realistische Handlungsspielräume erkennen. Da bin ich nach wie vor dafür, ich habe es vorhin schon erwähnt: weg von diesem superheroischen „Boah, ich kann die Welt verändern, ich kann da draußen alles machen“ und anzuerkennen, dass die etwas kleineren, aber nicht weniger wichtigen Handlungsspielräume essenziell sind. Darin den Wert zu erkennen und nicht so enttäuscht zu sein, dass es auch nicht immer funktionieren kann. Denn sonst landet man schnell bei: „Okay, dann bin ich auch raus aus der Branche.“ Wenn schon, dann richtig, sage ich mal, und ansonsten nicht.
Betty: Ja, und ich finde, man kann auch stufenweise Entwicklungen herbeiführen. Es ist vielleicht nicht immer so, dass ich mit einem bestimmten Kunden direkt ein super tolles Projekt realisieren kann. Ich weiß noch von einer befreundeten Agentur, die einen Kunden über 20 Jahre aufgebaut haben und heute die tollsten Kunstinstallationen gemeinsam entwickeln, wirklich Sachen, auf die jeder Bock hat. Aber das war eine Entwicklung über Jahre. Ich glaube, man muss einfach dranbleiben, und genau deshalb ist Idealismus so wichtig: Sonst kann man gar nicht das Gute sehen, das man bewirken kann, auch im Kleinen und im Prozess. Das kann im Team sein, im Umgang mit den Menschen, mit denen man zusammenarbeitet: Dinge vorleben, eine Haltung haben: Ich glaube schon, dass das idealistisch ist.
409: Wir haben viel von euch gehört und würde jetzt gern ins Publikum öffnen. Habt ihr Fragen oder Kommentare aus eigener Erfahrung? Wie ist es euch ergangen?
Publikum: Ich lehre auch erst seit Kurzem und merke, dass bei mir in den Lehrveranstaltungen zunehmend weniger Idealismus zu finden ist. Viele agieren eher aus Angst heraus, ohne offen zu sein. Wie geht ihr damit um, wenn Leute ins Studium kommen, die diese idealistische Perspektive gar nicht haben, die man eher erst einmal „aus dem Sumpf ziehen“ muss?
Betty: Ich finde es immer gut, die Studierenden eigene Themen einbringen zu lassen — etwas, das sie selbst interessiert und das eine persönliche, gern auch gesellschaftliche Relevanz hat. Darüber findet man einen gemeinsamen Nenner; das ist oft ein echter Antrieb.
Marco: Genau, eine Fragestellung erarbeiten zu lassen oder sich die Frage selbst zu gestalten. Im Urban Design an der TUM sind das zum Beispiel Design Interventionsklassen, in denen eine Öffentlichkeit gesucht werden muss. Dann spürt man: Meine eigene Unsicherheit zu einem Thema trifft auf große Resonanz, und aus diesen Diskussionen kann etwas entstehen, das wiederum die eigene Einstellung zum Thema formt. Gerade in jüngeren Semestern war es immer sehr gut, möglichst früh rauszugehen und genau die Stimmen einzufangen, die draußen existieren.
Aber das war eine Entwicklung über Jahre. Ich glaube, man muss einfach dranbleiben, und genau deshalb ist Idealismus so wichtig.
Publikum: Ich berühre jetzt ein bisschen die Stelle, die man im Gespräch schon gehört hat: Als kreativer Studierender geht man relativ frei nach der Schule ins Studium, man ist nicht direkt mit all den Idealen geschmückt. Die kommen im Zuge des Studiums immer mehr dazu, mal mehr, mal weniger. Und irgendwann steht man an dem Punkt, an dem man so ein bisschen den Realitätsschock hat. Ich finde gut, was Betty eingebracht hat: dass man so früh wie möglich an den Realismus heranführt und den Austausch mit den Alumnis hat. Denn ich kann auch von meiner Uni berichten: Da wurden immer die Stars des Editorialdesigns gezeigt – nicht die Leute, die vielleicht im Café arbeiten, oder die, die sich engagieren, aber eigentlich kaum über die Runden kommen. Es wird so idealisiert, dass es mich super genervt hat. Es wird keine breite, diverse Masse gezeigt, sondern nur das, was glänzt. Das ist für mich ein Stück weit das Ursprungsproblem.
Charlie: Ich verstehe auch den Wunsch nach diesem Austausch, der sich bei dem ganzen Haufen Menschen zeigt, die nach dem Studium rausgehen, denn es ist eben nicht immer dieser geradlinige Weg. Wenn man aus der Gestaltung kommt, kann man durchaus auch interdisziplinär woanders landen. Wenn man Gestalten als Weltgestalten begreift, kann es in eine ganz andere Richtung gehen als das tatsächliche, physische Gestalten, nenne ich es mal. Das ist auch eine Erfahrung, die ich persönlich zusammen mit Katharina gemacht habe: Dadurch, dass wir noch so nah an den Studierenden dran sind, hat in unserem Kurs viel Austausch stattgefunden – genau über diese alltäglichen Sorgen und Gedanken. Wie hast du das gemacht, wie war das für dich? Und wir sagen dann auch: Oh, beim Diplom habe ich die ganze Zeit gedacht, hoffentlich klappt das. Ich glaube, das war wahnsinnig wichtig: dass man diesen Bezug, diese Offenheit und Nahbarkeit behält. Das führt aber wieder zum Thema Zweifel: Was mache ich mit meinen Sorgen, wo will ich eigentlich hin, und kann ich das? Es ist super wichtig, diese positiven Beispiele zu sehen, weil das auch empowern muss. Und ich hoffe, das haben wir letztlich ein Stück weit geschafft: zu empowern. Aber natürlich gibt es tausend Wege, die man gehen kann.
Marco: Ich habe mich auch gerade gefragt, ob es so rüberkam, als hätten wir gesagt, Idealismus sei vielleicht der einzige Weg. Denn ich glaube, man ist im Leben immer in unterschiedlichen Stadien, in denen das mehr oder weniger Raum hat und in denen ich mich vielleicht um andere Dinge kümmern muss. Das ist total okay, das ist bei uns allen so, und das darf auch sein. Ich möchte keinen Druck aufbauen, dass nur dieser idealistische Weg der richtige sei.
Betty: Gar nicht! Bei mir gab es viele Umwege in der beruflichen Laufbahn, weil es nicht immer linear geradeaus geht; daraus habe ich meinen Idealismus gestärkt. Mein Fokus hat sich von der Unternehmerin zur Lehre hin erweitert, auch aus so einer Phase heraus. Das Leben verläuft nicht linear, man muss manchmal adaptieren – und was man heute gut findet, sieht man in zehn Jahren vielleicht ganz anders.
Bei mir schwebte im Studium die ganze Zeit dieser Impending Doom über meinem Kopf: der Realismus, die Realität [...].
Charlie: Ich kann Zynismus durchaus verstehen, wenn jemand sagt: Ich habe keinen Bock mehr, ich verlasse die Branche. Aber das ist meine persönliche Überzeugung: Wo kommen wir hin, wenn man nur dasitzt und gar nicht an Veränderung glaubt? Vor wie vielen Jahren war es absolut naiv und super idealistisch, dass Frauen wählen dürfen – und das ging nur, weil man es sich vorgestellt hat. Veränderung kann nur passieren, wenn du sie dir vorstellst. Das finde ich wichtig.
Publikum: Ich als Ex-Design-Studentin habe ein bisschen die andere Perspektive, die vielleicht sehr persönlich ist oder war: Ich habe das ganz anders empfunden. Bei mir schwebte im Studium die ganze Zeit dieser Impending Doom über meinem Kopf: der Realismus, die Realität, die danach versprochenermaßen auf einen zukommt.
Das hat mich ehrlicherweise in meiner Freiheit, als Studentin super idealistisch zu gestalten, ziemlich eingeschränkt. Denn ich habe die ganze Zeit gedacht: Wie muss es dann später sein? Und wenn ich jetzt super idealistisch gestalte, hilft mir das nichts, weil ich es mir später wieder abtrainieren muss. Ich habe das eher als Belastung wahrgenommen. Ich weiß nicht, von welchen Seiten das kam – dieses ständige Gefühl: Es wird später eh anders, deshalb muss ich mich jetzt zurückhalten und darf mich gar nicht so frei entfalten. Den Realismus musste ich mir eher abgewöhnen.
Betty: Das kommt auch ein bisschen aufs Team an, wie divers die Lehrenden hier aufgestellt sind. Bei uns gibt es unterschiedliche Ansätze. Bei der Bachelorbetreuung zum Beispiel hat man zwei Referent:innen oder zwei Gutachter:innen, und die sagen dann vielleicht mal etwas völlig Konträres – und darum geht es ja letztlich: sich eine eigene Meinung zu bilden. Darüber reden wir auch immer. Dieses Darüber-Reden vermisse ich manchmal ein bisschen: dass die Zeit da ist, auch von den Studierenden genau solche Fragen gestellt zu bekommen und sich dann dazu austauschen zu können.
Publikum: Ich kann sehr zu eurer Meinung relaten, dass man im Studium eigentlich realistischer werden sollte. Ich habe mich letztens stark mit meiner Gestaltung positioniert in einem neuen Job – und bin an dem hängengeblieben, was du meintest: dass ihr in der Agentur versucht, eine Haltung zu vermitteln. Mich würde interessieren, wie das konkret funktioniert.
Ich frage mich nämlich: Am Ende kann man dem Kunden oder der Kundin ja nicht einfach sagen „Nein, das ist unsere Haltung“, weil am Ende eine Abhängigkeit besteht. Geht es also eher über die Teamstruktur, dass ihr das versucht? Ich reibe mich noch ein bisschen an diesem „auf Augenhöhe“.
Betty: Erstmal leben wir eine idealistische Haltung, nämlich, dass wir konstruktiv zusammen arbeiten. Es ist auch schon vorgekommen, dass wir uns bei einem echten Wertekonflikt – über längere Zeit, nicht von heute auf morgen – von einem Kunden getrennt haben.
Konkret heißt das: Bei neuen Projektanfragen schauen wir uns den Kontext, die Haltung dahinter an; gewisse Anfragen würden wir nach ethischen Kriterien gar nicht erst berücksichtigen. Auch beim Sponsoring wählen wir bewusst aus. Das sind alles Haltungsfragen. Oder wie wir im Team miteinander umgehen wollen. Wie weit man da hineingeht, muss jede:r für sich entscheiden; für mich, meinen Mann und das Leitungsteam ist das sehr wichtig.
Publikum: Ich sehe auch, dass das sehr viel Arbeit ist.
Betty: Es ist sehr viel Arbeit, richtig. An einem gewissen Punkt muss man dann auch einfach pragmatisch entscheiden. Ich bin inzwischen wirklich pragmatisch – idealistisch-pragmatisch-konstruktiv.
Wirklich offen zu sein, solche Themen zu diskutieren und sich dafür die Zeit zu nehmen, die nicht immer da ist [...].
409: Eine letzte Frage.
Publikum: Mich würde noch interessieren, welche ganz konkreten Wege ihr für euch gefunden habt, um Idealismus in den Alltag zu übertragen – und ob ihr damit zufrieden seid. Denn ich persönlich merke manchmal, dass “ein nachhaltigeres Material wählen” mir noch nicht genug ist. Mich würde interessieren, wie ihr damit umgeht.
Marco: Ja, das ist eine große Frage. Ich glaube, ich habe nicht den einen Weg gefunden, sondern versuche Wege jeden Tag neu auszuprobieren. Dabei hilft mir werteorientiertes Denken und informiertes Handeln. Denn es gibt nicht den einen Weg, gerade bei ökologischer Nachhaltigkeit ist es immer ein Abwägen. Es geht eher darum, ein Mindset zu entwickeln, darin zu navigieren und auch mal zu sagen: Ich weiß es gerade nicht, wir probieren es aus und brauchen mehr Expertise von anderen.
Daraus wieder neue Kooperationen zu schließen und zu schauen, wo sich in diesen Kooperationen Möglichkeiten finden. Das ist der Weg, den ich für mich entdeckt habe: weiter explorieren und offen bleiben.
Publikum: Mich interessiert sehr, wie man persönlich damit umgeht – auch der Gedanke, an vier Tagen bezahlt und am fünften Tag freiwillig zu arbeiten ist spannend.
Charlie: Damit habe ich meine Antwort eigentlich schon gegeben. Das ist für mich ein Modus, mit dem ich aktuell ganz gut leben kann. Ganz transparent: Der fünfte Tag geht nicht immer in die Lehre, manchmal sind es Freelance-Projekte, die genauso der Konsumgesellschaft dienen. Aber Wissensvermittlung empfinde ich als wertvoll. Es geht darum, was man mit jungen Menschen für die Zukunft bewegen kann.
In der Agentur sind es ganz konkret oft mikroskopische Momente: In den Moodboards wurden ständig nur Männer abgebildet, die gut mit dem Koffer aussehen, also habe ich darauf geachtet, dass genauso viele Frauen darauf sind. Vielleicht das banalste Beispiel, aber genau da habe ich überhaupt erst die Haltung und möchte für sie einstehen.
Betty: Für mich ist es auch die Lehre, gerade wegen der unterschiedlichen Perspektiven, die zusammenkommen, und überhaupt die Teamarbeit in der Agentur: wirklich offen zu sein, solche Themen zu diskutieren und sich dafür die Zeit zu nehmen, die nicht immer da ist, definitiv nicht.
409: Es ist mittlerweile etwas warm geworden hier im Raum, deswegen würden wir sagen, schließen wir die Panel-Diskussion an dieser Stelle. Ganz herzlichen Dank an euch drei und für eure Fragen aus dem Publikum. Weiter geht’s mit Kaltgetränken und Kronkorkenabstimmung.
BODY OF KNOWLEDGE
Im Text genannte Quellen
Papanek, Victor. Design for the Real World: Human Ecology and Social Change. 2. Aufl., Thames & Hudson, 1985. → Monoskop
Unterstab, Anna (2023). Design intersektional unter die Lupe nehmen. Gestaltung als Komplize von Diskriminierung und als widerständiges Werkzeug., in: Studienhefte Problemorientiertes Design, Heft 12., S. 110f, adocs Verlag, Hamburg. → adocs
Schweppenhäuser, Gerhard (2016): Ideologie und Utopie des Designs. Latours Designtheorie zwischen Aufklärungskritik und Gegenaufklärung. In: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, 58. Jg., Heft 1 (Nr. 315), S. 79f. → Academia
Über die Speaker:innen
Charlie Singer-Fischer
Charlie Singer-Fischer ist Grafikdesignerin. Ihre Arbeit konzentriert sich auf visuelle Identitäten, typografische Systeme, Web- und Printdesign. 2024 gewann sie den Wilhelm-Braun-Feldweg Förderpreis für designkritische Texte. Die Arbeit erschien mit dem Titel „Between the Lines. KI – schöne neue Zukunft?“ im niggli Verlag.
Marco Kellhammer
Marco Kellhammer arbeitet an der Schnittstelle von Gestaltung und Forschung und interessiert sich für konfliktbehaftete gesellschaftliche Transformationsprozesse. Er lehrte Industrial Design an der Technischen Universität München mit Schwerpunkt Sustainability und Social Design. In seiner Promotion untersucht er, welche Rolle Design in Transformationsprojekten spielt — und wie Designforschung, Zukunftsbilder und Real-Experimente helfen, Veränderung im Alltag sichtbar, verhandelbar und wirksam zu machen. Bereits im Designstudium gründete er überkochen e.V. mit.
Prof. Betty Schimmelpfennig
Betty Schimmelpfennig ist Professorin für Crossmediale Gestaltung und Managing Partner/Co-Founder von Elastique. Sie realisiert interdisziplinäre Arbeiten an der Schnittstelle von analog und digital – mit dem Menschen im Zentrum zwischen realen und virtuellen Aggregatzuständen und Kipppunkten. Ihre Arbeiten sind vielfach ausgezeichnet. Sie engagiert sich u. a. in Jurys und als Mentorin im ADC und DDC.
Mission der WDC 2026
"Alle zwei Jahre verleiht die World Design Organization den Titel World Design Capital an eine Stadt oder Region. 2026 wird Frankfurt RheinMain zur internationalen Bühne für Design. Gemeinsam mit der Region realisieren wir wegweisende Projekte und zahlreiche Veranstaltungen, die zeigen, was Design leisten kann – für die Gesellschaft und die Demokratie, für unser Zusammenleben und unseren Alltag.
Im Laufe des Jahres richtet sich unser Programm nach verschiedenen Themenschwerpunkten. Sie greifen Fragen aus dem Alltag auf, geben dem Programm eine lebendige Struktur und machen die unterschiedlichen Facetten von Design erlebbar."
zitiert nach der WDC → Seite der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026
Ein Projekt von Gestalt Error 409 im Rahmen der WDC 2026
→ Unsere Seite bei der WDC ist noch im Aufbau
Über die WDC 2026
zitiert nach → wdc2026.org/de/ueber-wdc-2026 am 31.1.26
Unsere Vision
Die Welt wirkt aus den Fugen geraten: Krisen prägen Umwelt, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Unsere Demokratie ist von extremen Kräften gefährdet. Was gestern noch galt, scheint heute überholt. Viele Menschen empfinden Unsicherheit, Pessimismus und ein Glas, das stets halbleer scheint. Wir setzen diesem Pessimismus mit der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 mit der Vision „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ ein positives, realistisches Narrativ entgegen: Weg von der Krisenstimmung, hin zu Chancen. Es geht darum, sich nicht von Schlagzeilen leiten zu lassen, sondern von klaren Werten. Nicht Angst soll unser Handeln bestimmen, sondern eine klare Haltung. Wir schaffen Räume, die gemeinsam gestaltet werden können und in denen Menschen wirksam werden können – für eine erlebenswerte Zukunft. WDC will zeigen, was Gestaltung kann: für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, für Innovationen in der Wirtschaft und für unser Klima.
Aus dieser Haltung heraus verfolgt die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 vier zentrale Ziele: die Lebensqualität durch Design zu verbessern und Wandel in der Region zu gestalten, die regionale Identität mit internationaler Strahlkraft auszubauen, nachhaltige Innovationen und Zukunftsfähigkeit zu sichern sowie Demokratie durch partizipative Gestaltung lebendig zu machen.
Was verstehen wir unter Design?
Design bedeutet weit mehr als schöne Produkte oder gelungene Formen. Es ist ein Rahmen, der unser Zusammenleben in allen Bereichen des alltäglichen Lebens prägen kann. Design erarbeitet innovative Lösungen für die relevanten Herausforderungen unserer Gegenwart. Ziel ist dabei immer ein nachhaltiger positiver Effekt auf Umwelt, Wirtschaft, Kommunikation, Politik. Designwissenschaft und Praxis basiert auf fundierten Methoden und systematischer Recherche, um zu optimalen, überprüfbaren Ergebnissen zu kommen. Der eigentlichen Produktentwicklung geht eine detaillierte Analyse von Aufgabenstellung, Kontexten und Nutzungsszenarien voraus. In die Entwicklung fließen Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Disziplinen ein – von Ingenieurs- und Materialwissenschaft bis zu den Sozialwissenschaften. Der Entwurfsprozess ist durch Kriterien wie Nachhaltigkeit, Nutzerfreundlichkeit, reduziertem Materialeinsatz und hoher Recyclingfähigkeit etc. geleitet.Die Aufgabe von Designer:innen ist die Konzeption, Entwicklung und Kommunikation innovativer Produkte und Lösungen, die unsere Gesellschaft zukunftsfähig machen. Design gestaltet eine positive Zukunft und ist damit ein Hebel für die notwendige Transformation von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, stärkt unser soziales Miteinander und macht unsere Werte des Zusammenlebens ästhetisch erlebbar.Entlang der Leitidee Design for Democracy: Atmospheres for a better life zeigt das Zukunftsprogramm der World Design Capital 2026 Frankfurt RheinMain, wie Gestaltung nachhaltige Stadtentwicklung fördert, neue Formen urbanen Wohnens und Arbeitens ermöglicht, Mobilität und Bildung neu denkt, umweltbewusstes Produzieren und Konsumieren unterstützt.
Design als Motor für gesellschaftlichen Wandel
Gleichzeitig befähigt Gestaltung dazu, Veränderungen anzustoßen und handlungsfähig zu werden. Sie stiftet Motivation, wirkt inspirierend und steckt an. Auf diese Weise schafft sie die Grundlage für ein starkes Gemeinschaftsgefühl – und ermöglicht ein demokratisches Zusammenleben. Genau das braucht die Region Frankfurt RheinMain heute besonders.
Die Region Frankfurt RheinMain ist extrem heterogen und polyzentrisch. Sie setzt sich neben der Großstadt FFM auch aus mittelgroßen und kleinen Städten zusammen. Sie ist eines der wichtigsten Wirtschafts- und Finanzzentren in Deutschland und Europa, mit zahlreichen starken Arbeitgebenden, einer Vielzahl von Hochschulen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, schönen Landschaften und Erholungsgebieten. Jedoch hat sich die Region bisher noch nicht gefunden: Es gibt kein gemeinsames Narrativ, das all die unterschiedlichen Aspekte eint. Dies ist eine riesige Chance.
Gestaltung schafft Lösungen für Probleme
Die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 lädt daher dazu ein, eine neue gemeinsame Identität der Region zu schaffen und die zentralen Fragen unserer Zeit gemeinsam anzupacken: Wie können öffentliche Räume echten Mehrwert schaffen? Wie tragen Architektur, Mobilität, Wirtschaft oder Digitalisierung zu mehr Lebensqualität bei? Und welche Rolle spielt Design für eine lebendige Demokratie?
Wir möchten eine Kultur der Zuversicht, des Pragmatismus und der Freude am Handeln fördern. Gemeinsam wollen wir Räume für Ideen öffnen, Verantwortung übernehmen und konkrete Lösungen entwickeln, die lokales Engagement und globale Perspektiven verbinden.
Unsere Kernbotschaften
1. Transformation als Tradition: demokratischer Wandel in Frankfurt RheinMain
Die Region Frankfurt RheinMain hat in gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Krisen immer wieder mit Innovation, Vielfalt und großer Wandlungsfähigkeit überzeugt. Ihr international anerkanntes Erbe reicht von der Paulskirchenbewegung über „Das Neue Frankfurt“ bis zur Mathildenhöhe Darmstadt – Initiativen, die nur durch Zusammenarbeit, Engagement und gemeinschaftliches Handeln möglich waren.
Die Auszeichnung als World Design Capital 2026 verstehen wir nicht als Rückschau, sondern als Auftrag, diese Tradition aktiv fortzuführen.
2. Gestaltung als Hebel für Wandel und Nachhaltigkeit
Gestaltung ist weit mehr als Form – sie ist ein Prozess, der Veränderungen in allen Bereichen unseres Zusammenlebens anstößt. Mobilitäts-, Service-, Kommunikations-, Produkt- und Architekturgestaltung prägen den Alltag und treiben wirtschaftliche Transformation voran. Social Design, politisches Design und Politikgestaltung übersetzen Werte wie demokratischen Zusammenhalt und ökologische Rücksicht in praktische Anwendungen, setzen gesellschaftliche Prozesse in Gang, stärken Verantwortung, Mut, Engagement und Wirksamkeit jedes:r Einzelnen und schaffen Orte, an denen Diskurse stattfinden und Beteiligung möglich ist. Hier und jetzt, in konkreten Räumen und Alltagshandlungen wird Demokratie erlebbar.
3. Gemeinsam gestalten: die Region als Werkstatt für eine erlebenswerte Zukunft und gesellschaftlichen Zusammenhalt
Eine erlebenswerte Zukunft entsteht dort, wo Menschen aktiv mitwirken. In Frankfurt RheinMain entwickeln Bürger:innen, Bildungseinrichtungen, Kultur- und Kreativwirtschaft sowie Unternehmen aller Größen gemeinsam neue Ideen. Mit rund 450 Projekten und bis zu 2.000 Veranstaltungen wird die Region 2026 zu einem lebendigen Experimentierfeld, in dem Verantwortung übernommen, ausprobiert und gemeinsam gestaltet wird – mit Impulsen, die weit über das Jahr hinaus wirken.
Legacy: Was bleibt nach 2026Die Legacy von WDC 2026 basiert auf drei Säulen:
1. Erprobte Praxis: Projekte und Kooperationen, die zeigen, wie Design demokratische Prozesse konkret verbessert
2. Dauerhafte Strukturen: Institutionen, Rollen und Orte, die diese Arbeitsweise über 2026 hinaus tragen
3. Messbare Wirkung: Studien, die sichtbar machen, was sich verändert und was wir daraus lernen
Wie die Legacy wirkt – zwei Bewegungen mit klaren Zielen:
A) Top-down: Design in Verwaltung und Politik verankern – z. B. durch den Design Action Plan 2030, Chief Design Officers, Policy-Experimente und neue umsetzungsstarke Modelle für Projekte im öffentlichen Raum
B) Bottom-up: Demokratische Gestaltungskompetenz in der gesamten Region stärken – z. B. über den FRM Design Hub, die OPEN – Design Week Frankfurt RheinMain und Weiterbildungsangebote
So tragen diese Maßnahmen zu den Kernzielen der WDC 2026 bei:
A) Lebensqualität verbessern & Wandel gestalten: Durch erprobte Projekte und partizipative Formate werden öffentliche Räume, Services und Alltagserfahrungen konkreter, demokratischer und lebenswerter.
B) Regionale Identität & internationale Strahlkraft: Dauerhafte Strukturen und sichtbare Projekte machen Frankfurt RheinMain zu einem Modellstandort für Design, Innovation und gesellschaftliche Zusammenarbeit.
C) Nachhaltige Innovation & Zukunftsfähigkeit: Die Kombination aus top-down- und bottom-up-Maßnahmen etabliert Netzwerke, Kompetenzzentren und Lernformate, die Innovation, Klimaschutz und demokratische Teilhabe langfristig sichern.
Kurz: WDC 2026 hinterlässt eine Region, die Demokratie aktiv gestaltet – mit den Tools, der Kultur und den Kompetenzen, um Teilhabe spürbar und wirksam zu machen – weit über 2026 hinaus.
Interview mit Charlie Singer-Fischer, Marco Kellhammer & Prof. Betty Schimmelpfennig
Idealismus im Designstudium. Was ist schlimmer: Zynismus oder Naivität?
Transkript einer Paneldiskussion
AUG 2026
Fragen: Carl Friedrich Then, Sabeth Wiese, Franziska Porsch
Im Designstudium geht es viel um die unterschätzten Kräfte von Design für die Gestaltung einer besseren Welt. Doch beim Jobeinstieg stellen viele Designer:innen fest: die alltägliche Realität sieht ganz anders aus. Das führt oftmals zu Enttäuschung, ewiger Jobsuche oder Flucht in andere Branchen. Sollten Designer:innen ehrlicher auf diese Welt vorbereitet werden? Und vor allem: Wie realistisch ist eigentlich der positive Einfluss von Designer:innen außerhalb von Nonprofit-Projekten?
Am 23. Juni haben wir im Rahmen der → World Design Capital Frankfurt RheinMain mit → Charlie Singer-Fischer, → Professorin Betty Schimmelpfennig und → Marco Kellhammer im Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main darüber diskutiert. Aus drei verschiedenen Blickwinkeln haben sie über ihre Erfahrungen berichtet: Charlie Singer-Fischer hat ihr Kommunikationsdesign-Studium 2024 beendet und gewann mit ihrer Abschlussarbeit den Wilhelm-Braun-Feldweg Förderpreis für designkritische Texte. Seitdem arbeitet sie als angestellte Grafikdesignerin und verfolgt nebenbei eigene Projekte. Betty Schimmelpfennig ist sowohl in der Lehre als Professorin für Crossmediale Gestaltung tätig als auch Managing Partner/Co-Founder von → Elastique., einer Kreativagentur in Köln. Sie engagiert sich u. a. in Jurys und als Mentorin im ADC und DDC. Marco Kellhammer arbeitet an der Schnittstelle von Gestaltung und Forschung. Er lehrte Industrial Design an der Technischen Universität München mit Schwerpunkt Sustainability und Social Design und untersucht in seiner Promotion, welche Rolle Design in Transformationsprojekten spielt.
409: Wir möchten den Abend gerne mit einem Eingangsstatement von euch beginnen: Was ist für euch Idealismus?
Charlie Singer-Fischer: Also, ich würde sagen: Wenn man etwas idealistisch betrachtet, dann schaut man auf die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie sie sein könnte. Dabei orientiert man sich an Idealen wie Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und gesellschaftlichem Nutzen und versucht, sein Verhalten und seine Handlungen daran auszurichten. Der Knackpunkt ist für mich, dass man idealistisch handelt, obwohl man weiß, dass man diese Ideale gar nicht vollständig erreichen kann.
Ich würde dazu gern kurz eine Anekdote erzählen. Nach einem Vortrag über mein Buch kam ein älterer Mann auf mich zu, sagen wir mal so 80, und meinte: Super vorgetragen, aber das ist schon auch ganz schön naiv, was Sie da geschrieben haben. Sie sind ja aber auch noch jung.
Im Zuge des heutigen Themas habe ich darüber noch einmal nachgedacht. Ich finde, man muss klar zwischen Naivität und Idealismus unterscheiden. Idealismus hat ja durchaus einen realistischen Bezug, er betrachtet die Welt da draußen realistisch, bezieht aber trotzdem die Vorstellung mit ein, wie es sein sollte und was wir anstreben.
Wenn man diesen Anteil von Realismus im Idealismus anerkennt, dann ist das oft gedachte Gegenteil von Idealismus gar nicht mehr der Realismus – sondern vielmehr die Resignation. Und da positioniere ich mich klar: Wenn wir resignieren, dann passiert gar nichts mehr, und dann können wir es eigentlich auch gleich ganz lassen.
Betty Schimmelpfennig: Da würde ich mich anschließen. Die Gegenüberstellung von Zynismus und Naivität finde ich ein bisschen kurz gegriffen, weil uns beides nicht weiterbringt. Zynismus verhindert Weiterentwicklung, Naivität verkennt die Realität. Ich denke, es braucht das, was du beschrieben hast: eine Art wirksamen, informierten Idealismus mit Realitätsanbindung. Für mich ist Idealismus keine romantische Haltung, sondern echte Arbeit, ein echtes Commitment, Verantwortung zu übernehmen, für das, was wir gestalten und was wir damit auslösen.
Aus Perspektive der Unternehmerin weiß ich, dass Gestaltung nie im luftleeren Raum passiert. Sie ist immer an wirtschaftliche, politische und technologische Systeme angebunden. Und ich glaube, darin liegt eine ganz wichtige Aufgabe: dass wir als Gestalter:innen versuchen, diese Systeme, soweit es geht, aktiv mitzugestalten – gerade auch im Kontext von KI wird das entscheidend. Die Welt retten werden wir wahrscheinlich nicht, aber wir können sie ein bisschen besser machen.
So viel aus der Perspektive der Unternehmerin. In der Lehre beobachte ich – das hattet ihr auch mal schön auf LinkedIn geschrieben – eine Flucht ins Analoge, in die künstlerisch-experimentelle Gestaltung, eine starke Selbstzentrierung. Es entstehen wunderbare Printprodukte, artsy Installationen und dann kommt die Frage: Kann ich damit Geld verdienen?
Die wenigsten können das, da sollte man realistisch sein. Darin sehe ich eine Art überhöhten Idealismus ohne Realitätsbezug, und ich bin sicher, dass die Design-Education hier ansetzen muss: Studierende müssen lernen, innerhalb realer Systeme wirksam zu werden. Dabei bin ich totale Idealistin – sonst könnte ich meinen Job nicht machen.
Ich denke, man kann seine Erwartungshaltung immer anpassen, ohne gleich desillusioniert zu sein – also realistisch schauen: Welche Möglichkeiten habe ich denn gerade?
Charlie: Ich finde auch spannend, was du sagst. Ich hätte es für mich einen reifen Idealismus genannt, du hast jetzt informierten Idealismus gesagt. Das finde ich wichtig festzuhalten: Er baut auf einem Realismus auf. So viele Leute denken einfach, das sei naiv. Und das ist eigentlich selbst eine naive Wahrnehmung davon.
409: Wie ist das bei dir, Marco?
Marco Kellhammer: Als ich darüber nachgedacht habe, wie sich Idealismus für mich verändert hat und was er für mich bedeutet, habe ich gemerkt, dass er mich definitiv zum Designstudium getrieben hat. In einer Infoveranstaltung zum Designstudium hieß es, man könne mit Design die Welt verändern. Während des Studiums habe ich mich dann gefragt, wie dieses Weltverändern eigentlich funktioniert – aber genau das hat mich gereizt. Damals, in der Finanzkrise 2007/2008, waren diese Designstudiengänge für mich eine Möglichkeit, positiv auf Veränderung zu blicken und ein bisschen idealistisch wirksam werden zu können.
Im Laufe des Studiums wurde die Frage für mich konkreter: Wie machen wir das genau? Und wofür? Denn ganz viele Aufträge kamen von Unternehmen, die immer noch das Gleiche gemacht haben, nur ein bisschen grüner angestrichen. Und so kam für mich viel stärker die Frage auf: Für wen möchte ich als Designer arbeiten?
Für mich ist Idealismus immer etwas sehr Immaterielles, rein wertegetrieben. Meine Designpraxis ist aber zugleich in der materiellen Welt verankert. Irgendwann bin ich auf den Begriff des normativen Kompasses gestoßen. Den finde ich für meine Arbeit sehr hilfreich. Er kommt auch aus der Nachhaltigkeitsforschung. Wir orientieren uns dabei an Werten, die uns als Gesellschaft und den Planeten Erde im Fortbestehen sichern. Diese informierte Gestaltung ist für mich etwas sehr Anschlussfähiges.
Ich finde, es erhöht die Kreativität sogar, wenn ich nicht im luftleeren Raum arbeite, sondern weiß: Es gibt diese ökologischen Deckel und Grenzen, an denen ich mich orientieren muss, oder eine Richtung, in die wir uns als Gesellschaft bewegen wollen. Von daher habe ich mich in diesem Zwischen von Zynismus und Naivität auch nicht wiedergefunden. Denn für mich ist das Idealistische in mir das, was sehr produktiv ist. Naivität und Zynismus habe ich eher als destruktiv empfunden. Und da würde ich mich auch nicht verorten.
409: Andererseits, schaut man auf die letzten zehn Jahre politisch und ökologisch: Wohin hat uns denn der Idealismus gebracht? Viele haben sich idealistisch eingesetzt, und doch ist eher das Gegenteil passiert… eine polarisiertere Gesellschaft, aufgeweichte ökologische Regeln, weniger gesellschaftliche Wertschätzung.
Betty: Da antworte ich aus einer Designer:innen-Perspektive heraus sehr lösungsorientiert und pragmatisch. Ich denke, man kann seine Erwartungshaltung immer anpassen, ohne gleich desillusioniert zu sein – also realistisch schauen: Welche Möglichkeiten habe ich denn gerade? Kommunikationsdesign macht im Grunde nichts anderes: Ich analysiere das Setting, prüfe meine Handlungsspielräume – und komme dann ins konkrete Gestalten, also ins Machen!
Und genau das ist der Punkt: Zwischen „Ich würde gern“ und „Ich mache“ liegt ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. In der Agentur merke ich das teilweise: Wir bieten dem Team an, in einem gewissen Rahmen eigene Projekte, eigene Themen und eigene Kund:innenvorschläge mit einzubringen. Und wenn es dann ans Machen geht, wird klar, dass hier ganz schön viel Eigenverantwortung, Drive und Engagement gefragt ist. Wirklich „Machen“ im eigenen idealistischen Setting heißt dann auch: Hands-on! Dann muss man dann auch wirklich loslegen.
Charlie: Wahrscheinlich ist es, wie so oft im Leben, am Ende ein Mittelweg. Statt sich zu fragen, wie idealistisch ich sein kann, darf oder sollte, muss man sich eher fragen: Wie viel Idealismus kann ich in meinem Alltag aushalten, ohne daran zu zerbrechen? Das knüpft genau an das an, was du gesagt hast: Wenn man ein Modell für sich findet, wie man das mit sich, seinen Werten und seinen Idealen vereinen kann. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich einen Agenturjob habe, der vier Tage die Woche umfasst.
Ich habe das Glück, dort nur vier Tage zu arbeiten, weil das für mich ein Lösungsweg war: So habe ich noch diesen einen Tag in der Woche, also vier Tage im Monat, die ich anders investieren kann. Für mich sind das eher erste Schritte in der Lehre, bei denen ich das Gefühl habe, dass man Werten etwas gerechter werden kann, im Sinne von Wissensvermittlung. Natürlich gibt es auch in der Agentur Projekte, die eher meinem idealistischen Werdegang entsprechen, und andere, die es weniger tun.
Und ganz ehrlich: Manchmal sitze ich da und muss sagen: “Boah”. Ich versuche, meinen Studis beizubringen: Hört auf, Scheiße zu gestalten, die die Welt nicht mehr braucht. Und dann muss ich selbst ein neues Reality-Format-Logo für DSDS gestalten. (Alle lachen) Da denke ich: Wie finde ich das jetzt eigentlich? Das tut dann schon mal weh. Aber es erinnert mich an ein Modell, das Victor Papanek in seinem Buch Design for the Real World in den 70ern beschrieben hat. Er nutzt das finnische Wort „kymmenykset“, das so viel bedeuten soll wie „ein Zehntel“. Im traditionellen Sinne war das so: Bauern sollten am Ende des Jahres ein Zehntel ihrer Ernte an Bedürftige geben, reiche Menschen zehn Prozent ihres Ertrags. Er spricht von einem Modell, bei dem man – sei es alle zehn Tage oder zehn Prozent einer Lebensarbeitszeit – etwas für das Gemeinwohl investiert. Das hat mich daran erinnert, wie ich meinen Arbeitsalltag konkret gestalten und besser mit meiner idealistischen Einstellung vereinen kann: Denn am Ende muss auch ich meine Miete zahlen, das Brötchen muss auf den Tisch.
Das ist der Realismus, den ich schlucken muss. Aber auch dort gibt es Handlungsspielräume, die eben kleiner sind: nachhaltige Produktionswege, etwas barrierefreier oder inklusiver gestalten, Institutionen menschlicher machen. Das war vielleicht so ein Modell, an dem ich mich orientieren kann.
Marco: Du hattest ja gefragt, wohin uns der Realismus gebracht hat – und ich finde das gar nicht so negativ. Gerade wenn man sich Designströmungen anschaut, Arts & Crafts, den Werkbund, Buckminster Fuller, Papanek, all das: Die waren ja alle eine Antwort, oder der Versuch einer Antwort, auf eine negative industrielle und gesellschaftliche Entwicklung. Wenn man sich anschaut, wie Städte unter der Industrialisierung ausgesehen haben, dann hat sich durch die veränderten Produktionsbedingungen sehr viel zum Positiven verändert. Wir haben heute wahrscheinlich lebenswertere Städte als während der Hochphase der Industrialisierung. Damit will ich nicht sagen, dass wir heute keine Probleme hätten – wir haben durchaus wieder Probleme. Aber wo wir heute stehen, ob wir gescheitert sind oder ob wir alle resignieren sollten, weil die Gesellschaft polarisierter ist, das können wir zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht so eindeutig beurteilen. Der Blick in die Vergangenheit und in die Designgeschichte zeigt aber, dass man Antworten finden kann, wenn man dieses gestaltende Mindset beibehält oder sogar verstärkt – und es gesellschaftlich öffnet. Das macht Design in den letzten Jahren vermehrt: Man sagt auch mal, wir wissen es selbst nicht, aber wir machen einen Prozess daraus. Die World Design Capital macht das sehr gut, mit dem Thema „Design for Democracy“. Man sagt: Wir haben die Kreativprozesse, und wir möchten das kollektive Wissen versammeln, um mit der Komplexität der Herausforderungen künftig klarzukommen. Das finde ich einen sehr interessanten Prozess, ohne dass es aktuell direkt Lösungen gibt. Ich blicke da tatsächlich nicht so negativ drauf.
Einerseits geht es darum, in kleineren Handlungsräumen zu agieren. Aber ich habe trotzdem manchmal das Gefühl einer Hilflosigkeit, fast eines Schmerzes.
409: Das hört sich ja wirklich positiv an. Das heißt, dass ihr wirklich alle Überzeugungstäter seid, oder? Also man hört gerade nicht wirklich etwas Regressives oder Depressives bei euch raus.
Betty: Ja, und ich finde: Je länger man in unserem Bereich unterwegs ist, desto mehr sieht man, dass man viele Möglichkeiten für das wirkliche Leben von Idealismus im beruflichen Kontext hat, neben Konzepten und Ideen als Endprodukt. Es geht auch um das Transformieren im Prozess. Das versuchen wir bei Elastique: Über Projekte eine Haltung ins Unternehmen hineinzutragen. Es müssen nicht praktische Arbeiten sein; man kann Idealismus auch von innen heraus oder strategisch angehen.
Marco: Vielleicht verändert sich ja auch dieser Wohlstandsbegriff. Wir haben gerade über das Modell gesprochen, zehn Prozent der Arbeit für das Gemeinwohl aufzuwenden. Aber ist Wohlstand weiterhin nur, Geld zu verdienen? Oder finden wir Wohlstand vielleicht sogar verstärkt in der Betätigung, in sinnvoller Arbeit? Das sind ja auch Fragestellungen, mit denen wir uns beschäftigen: Was ist eigentlich die Zukunft der Arbeit in Zeiten von KI? Das wird sich in den nächsten Jahren massiv verschieben. Ich glaube, diesen Wohlstandsbegriff, der rein auf den finanziellen Dingen beruht – klar, wir müssen alle überleben und leben –, würde ich ein bisschen weiten, über das Materielle hinaus. Vielleicht gibt uns auch die Orientierung an Werten etwas zurück.
Charlie: Ich muss aber auch dazusagen: Wir sind uns hier noch relativ einig, das ist eigentlich schön. Es ist gut und wichtig, dass man genau diese Ideale für sich identifiziert, sie anstrebt und diese Grundeinstellung beibehält. Trotzdem muss ich einfach sagen, dass ich es immer wieder schwierig finde. Ich rede da aus der Erfahrung, als ich aus dem Studium raus war und Jobs gesucht habe – und wie manche dieser Jobs, die ich gemacht habe, dann abliefen. Das war, salopp gesagt, ein Schlag ins Gesicht. Ich vertrete diese Einstellungen zu hundert Prozent, auch viele Texte, die ich lese und mit Katharina Ruß lehre: Verlangsamung, Redesign; auch Anna Unterstab sagt, man müsse langfristig bei Projekten bleiben, damit sie wirklich wirksam werden; oder Gerhard Schweppenhäuser spricht von Maximen, die wir umsetzen sollen. Ich finde das in der Theorie immer so gut. Auch das, was wir gerade besprechen, ist alles toll: Wir müssen die Welt verändern. Aber mir fehlt oft die Brücke zum tatsächlichen, alltäglichen Handeln.
Einerseits geht es darum, in kleineren Handlungsräumen zu agieren. Aber ich habe trotzdem manchmal das Gefühl einer Hilflosigkeit, fast eines Schmerzes: Wenn das jetzt schon alles war, was ich mit meinem Handeln tun kann, dann ist das immer wieder auch deprimierend.
409: Marco, Betty: Welche konkreten Erlebnisse oder Entscheidungen haben euren Idealismus geprägt oder verändert? Was war ein dämpfendes Erlebnis, was hat euch stärker in Richtung Idealismus gebracht?
Marco: Bei mir war es so: Wir mussten während des Bachelorstudiums ein Praxissemester machen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, in eine klassische Agentur zu gehen. Das habe ich auch bei Kommilitonen gemerkt: viele haben das Studium noch abgeschlossen, sind danach aber in eine ganz andere Richtung außerhalb des Designs gegangen. Ich hatte mir zwei, drei Stellen herausgesucht, die anders als eine klassische Agentur waren und ganz stark dieses Nachhaltigkeitsthema hatten, und hatte das Glück, dort einen Praktikumsplatz zu finden und mich ernsthafter mit dieser Debatte auseinanderzusetzen. Fürs Auslandssemester war ich dann in Rio, in Brasilien, und das war für mich total dämpfend, wie das Designstudium dort lief. Das hat sich inzwischen komplett verändert, muss ich sagen. Das Designverständnis an der Gastuniversität zielte stark in Richtung Produktdesign, insbesondere Möbel, für wohlhabende Menschen. Und parallel, direkt nebenan in den Favelas, hätte es genug Gestaltungsaufgaben gegeben, mit denen man sich hätte auseinandersetzen können. Das war für mich sehr frustrierend, und ich habe damals tatsächlich überlegt, das Designstudium abzubrechen.
Idealismus [...] Das ist eher ein Begriff der heutigen Zeit, glaube ich.
Betty: Ich habe an einer Kunsthochschule studiert, das war sehr frei, sehr selbstzentriert. Den Begriff Idealismus habe ich dort überhaupt nie gehört. Das ist eher ein Begriff der heutigen Zeit, glaube ich. Idealismus war damals kein Thema, und ich hatte auch nie das Gefühl, frustriert zu sein, weil sich sowieso sehr viel um die eigene Perspektive gedreht hat. Dann kam der Aufschlag in meinem ersten Job. Der Berufsalltag hat mich damals schon sehr frustriert, muss ich sagen. Ich habe wirklich lange gebraucht, um da reinzukommen. Ich hätte fast freie Kunst studiert, insofern war das für mich härter, als ich es zum Beispiel bei meinem Mann beobachtet habe, der sehr serviceorientiert ist. Dann haben wir uns zusammen selbstständig gemacht, auch aus dem Bedürfnis heraus, etwas Eigenes zu machen, eine Wahl zu haben: Mit wem arbeite ich, wofür, und wie kann ich Inhalte mitbeeinflussen? Über die Jahre merkt man dann, dass das zu einem gewissen Maß möglich ist. Wir kultivieren das in der Agentur: Wir schauen, dass wir über die Projekte eine Haltung ins Unternehmen hineintragen, und wir beziehen das Team stark mit ein. Auch wenn wir die Arbeit mit neuen Kund:innen aufnehmen, diskutieren wir das im Team und entscheiden gemeinsam. Wir arbeiten mit dem Team soweit möglich auf Augenhöhe. Und wenn etwas nicht passt, kann es auch sein, dass wir uns trennen. Nicht vom Team, sondern vom Kunden! (Alle lachen)
Oder wenn wir jemanden oder eine Sache sponsern, schauen wir natürlich genau, wer das ist, was sie machen. Wie z. B. gerade das International Gender Network. Über diese aktive und bewusste Auswahl kann man Idealismus durchaus vorantreiben.
409: Die Brüche, die ihr beschrieben habt, haben mit dem Übergang vom Studium in die Arbeitswelt zu tun. Das lenkt auf die Frage: Wie wird im Design ausgebildet? Wenn es diese Brüche gibt, woran liegt das? Und was müsste, kann oder sollte sich an der Lehre ändern, damit der Bruch weniger stark ist? Und was sollte man den Studierenden vielleicht vorher sagen?
Marco: In meinem eigenen Masterstudium dann – das Seminar hieß Design Enterprise und umfasste zwei Semester – ging es darum, Designstudierende mit Start-ups, die hauptsächlich aus dem Umfeld der TU München kamen, in Semesterarbeiten zusammenzubringen. Design sollte hier nicht heißen „ich mache das jetzt noch hübsch“ oder „ich verpacke das noch“, sondern sich schon in der Gründung und in der Entwicklung des Produkts, des Unternehmens und der Unternehmensidentität ansiedeln. Bei mir ist daraus ein sehr soziales Start-up beziehungsweise ein Verein → überkochen e.V. entstanden. Später, als ich gelehrt habe, kamen Start-ups aus dem Biotech-Bereich und Feldern wie Medizintechnik. Die haben viel mehr Raum für Idealismus geboten als klassische Unternehmen, weil sie sehr dynamisch sind und sich bewusst davon differenziert haben. Das hat sehr gut funktioniert. Viele Absolvent:innen wurden in diese Start-ups, sofern sie ausgegründet wurden, übernommen und haben dort ihre ersten Berufsjahre verbracht. Das haben wir dann verstärkt verfolgt, sodass auch gemeinsame Abschlussarbeiten möglich waren.
Das unterscheidet sich stark von der künstlerischen Designausbildung, weil es hier schon sehr um Unternehmensaspekte geht. Aber mein Eindruck war – und das haben die Studierenden auch immer wieder zurückgespiegelt –, dass viel mehr Raum geboten wurde, sich wirklich einzubringen. So gab es nicht diesen harten Cut: schöne Designprojekte im Studium und dann plötzlich die Konfrontation mit der realen Welt in der Agentur, nach dem Motto „ich muss das jetzt machen und darf nicht hinterfragen, warum Firma XY hier was auch immer tut“.
Mit den Werkzeugen, die ich während des Studiums gelernt habe, eröffnet sich mir ein großes Feld an sinnvollen Designaufgaben.
Charlie: Ich kann mir vorstellen, dass sich das stark unterscheidet, je nachdem, wo man studiert, an welcher Fakultät und in welchem Fach. Ich kann nur von meinem Standpunkt sprechen, vom Kommunikationsdesign an meiner Uni. Schon bei uns ist allein das Industriedesign ein bisschen anders gepolt, glaube ich.
Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich bin unglaublich naiv in dieses Studium gestartet und war wahrscheinlich auch sehr lange naiv. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob ich das verwerfen würde, weil es diese anfängliche Naivität auch braucht. Es braucht auch diese Grundlagenlehre, die ich gar nicht angreifen würde. Als ich angefangen habe, hatte ich überhaupt keine Ahnung, was Design eigentlich ist. Formsprache zu lernen, mit all den möglichen Facetten erst einmal in Berührung zu kommen – das ist unglaublich wichtig. Eine Hochschule muss vielleicht auch so eine Art naiver Schutzraum sein, damit überhaupt erst Zukünfte gedacht werden können. Damit man sich erst einmal mit dem schönsten, optimalen Printprojekt denkt: Wow, so etwas geht — und das habe ich mir alles ausgedacht, das ist doch geil. Ich glaube, ich habe das gebraucht, um diese Motivation und den Antrieb zu entwickeln, wirklich Bock darauf zu haben. Aber ich glaube, dass es dann ein bisschen dabei stehen bleibt. Es müsste eine behutsame Überführung von dieser Naivität in einen, sagen wir, reifen Idealismus stattfinden. Ehrlich gesagt habe ich das nicht nur beim Übergang von der Uni in die Arbeitswelt empfunden, sondern auch beim Übergang von der Schule in die Welt danach; so wie ich keine Ahnung von Steuern und Finanzen hatte. Auch die Welt nach dem Studium sah anders aus, als ich dachte. Ich finde schon, dass Themen wie Geschäftsmodelle dazugehören: Wie schreibe ich ein Angebot? Welches Geld kann ich für welche Arbeit nehmen? Das sind ökonomische Faktoren, die ich unglaublich wichtig finde. Man sollte auch daran heranführen, dass ein ökonomischer Faktor ein riesiges Gestaltungsmaterial ist. Das umzingelt heute leider einfach meine Projekte, weil es ein großer Faktor ist: Wie viel Zeit habe ich, mit wie viel Intensität und Mühe darf ich da rangehen? Ich glaube schon, dass das mehr stattfinden kann – vielleicht aber eher gegen Ende des Studiums.
Auch die theoretische Ebene war (da kann ich wieder nur von meiner Fakultät erzählen) eher meine eigene Reise; ich habe selbst dazu gefunden. Das war der Moment, als ich all die Texte gelesen habe und dachte: Ich muss mich als Gestalterin eigentlich selbst abschaffen. Nein – aber es ist unglaublich wichtig, das von der Theorie wirklich in die Praxis zu überführen. Diese Brücke wird, finde ich, selten geschlagen. Es gibt ein paar Theoriekurse und dann Konzeptkurse. Auch da kann ich nur von meinem eigenen Erleben sprechen.
Betty: Ja, das glaube ich auch, da kann man unterscheiden. Ich sehe es stufenweise. Ich würde gar nicht von Naivität sprechen, wenn man mit dem Studium beginnt, sondern eher von Offenheit: Man kennt noch keine eingeschliffenen Muster, hat einen frischen Blick auf die Dinge und macht einfach mal drauf los. Das finde ich total gut, und so soll es gerade im Grundstudium auch sein. Bei uns im Studiengang Kommunikationsdesign an der Hochschule RheinMain sind ab dem dritten Semester alle zusammen in Wahlpflichtkursen, wo man kann sich Themen und Schwerpunkte aussuchen kann.
Dort gibt es dann sehr viele Praxisangebote, auch mit Realitätsanbindung: Ausstellungsprojekte, Kooperationen, man fährt zusammen zu einem Kongress, einer Konferenz. Oder man überlegt sich: Was kann ich mit meiner Bachelorarbeit tun, damit sie nicht in der Schublade landet?!
Besagte Realitätsanbindung beginnt bei mir schon im zweiten Semester: Es geht um ein stark konzeptionelles Arbeiten, darum, relevante Themen einzubinden, immer zu schauen, wer der Absender und wer die Zielgruppe ist. Natürlich komme ich aus einem angewandten Setting, aber ich versuche immer den Spagat zwischen künstlerisch-experimentell und angewandt hinzubekommen.
Einen Realitätsbezug zu schaffen, danach frage ich eigentlich immer — das ist letztlich eine Haltung, die man vorlebt; es geht darum, den Studierenden früh einen Einblick zu geben, was nach dem Studium passieren kann und sie entsprechend darauf vorzubereiten. Letzte Woche haben wir beispielsweise im Portfolio-Kurs über alternative Möglichkeiten im Rahmen des Berufsstarts gesprochen: Da ist eine Studentin, die sehr aktivistisch veranlagt ist und meinte, sie wisse gar nicht, wohin sie ihr Portfolio überhaupt schicken solle, weil sie Agenturen nicht interessieren. Da haben wir besprochen, dass man sich auch über Themen, über eine Haltung nähern kann. Man kann sich z. B. bei Vereinen bewerben und im Sinne einer bestimmten Sache arbeiten, sich so für etwas einsetzen.
409: Wir haben darüber geredet, welche Strukturen und Angebote Hochschulen eröffnen sollten. Auf der anderen Seite stehen die Studis. Welche Veränderungen würdet ihr euch aus eurer Position als Lehrende von euren Studierenden wünschen? Was müssen die von sich aus leisten, damit sie ihren Idealismus besser in der realen Welt verankern?
Betty: Wirklich realistisch zu überlegen: Was sind meine Möglichkeiten? Diese Klischee-Idealismus-Brille mal abzulegen und zu sagen: Okay, das ist das Leben, das ist auch nicht immer nur schön, nicht immer instagrammable. Es gibt einfach zähe Strecken, auch im Beruflichen. In jedem Beruf gibt es Phasen und Tätigkeiten, die man nicht so gerne macht. Ich glaube, es ist eine aktive Entscheidung, eine Haltungsfrage: Möchte ich das Gute in meiner Arbeit sehen? Und wenn ich es nicht sehe, habe ich immer noch die freie Entscheidung, etwas anderes zu machen. Also weg von diesem Passiven „ich lasse mir etwas servieren“ hin zu einer aktiven Verantwortung für sich selbst. Und dann auch den Mut zu haben, etwas sein zu lassen oder noch einmal nachzujustieren. Das würde ich mir persönlich wünschen.
Marco: Da würde ich anschließen. Viele kommen ja mit Idealvorstellungen oder noch mit alten Idealen, im Industriedesign etwa mit Star-Designern und der Vorstellung, wie sie arbeiten. Das ist alles total cool, hochpreisig und wird in Magazinen abgebildet. Im Studium merken sie dann vielleicht, dass das nicht ganz vereinbar ist. Es sind ja ganz wenige, die das wirklich schaffen, das haben wir vorhin schon gesagt. Wichtig ist dann zu erkennen: Mit den Werkzeugen, die ich während des Studiums gelernt habe, eröffnet sich mir ein großes Feld an sinnvollen Designaufgaben. Ich spreche da vor allem vom öffentlichen Sektor: öffentlicher Raum, Schulen, Bildung. Da gibt es wirklich Handlungsbedarf und da sind Designer:innen auch wirklich gefragt. Das ist ein etwas anderes Arbeiten, weil es viele Gestaltungsvorgaben gibt, die durchaus auch sinnvoll sind. Aber ich kann mich wirklich einbringen. Es ist vielleicht ein anderes Designverständnis als das, mit dem ich ins Studium gestartet bin, aber es ist ein sehr gutes Feld. Dafür offen zu sein und dann, genau wie du sagst, dort aktiv zu werden – und nicht in die Frustration oder in den Zynismus zu gehen und zu sagen: „Ich habe das nicht geschafft, deshalb ist jetzt alles nicht so cool.“ Sondern zu sagen: Jetzt schaue ich mir, mit dem, was ich kann, die Felder an, wo wirklich etwas zu machen ist.
Charlie: Ja, aus der Erfahrung mit den Studis, mit denen wir in Kontakt waren, würde ich auch sagen: Haltung entwickeln – wirklich eine klare Haltung – und realistische Handlungsspielräume erkennen. Da bin ich nach wie vor dafür, ich habe es vorhin schon erwähnt: weg von diesem superheroischen „Boah, ich kann die Welt verändern, ich kann da draußen alles machen“ und anzuerkennen, dass die etwas kleineren, aber nicht weniger wichtigen Handlungsspielräume essenziell sind. Darin den Wert zu erkennen und nicht so enttäuscht zu sein, dass es auch nicht immer funktionieren kann. Denn sonst landet man schnell bei: „Okay, dann bin ich auch raus aus der Branche.“ Wenn schon, dann richtig, sage ich mal, und ansonsten nicht.
Start-ups [...] haben viel mehr Raum für Idealismus geboten als klassische Unternehmen, weil sie sehr dynamisch sind und sich bewusst davon differenziert haben.
Betty: Ja, und ich finde, man kann auch stufenweise Entwicklungen herbeiführen. Es ist vielleicht nicht immer so, dass ich mit einem bestimmten Kunden direkt ein super tolles Projekt realisieren kann. Ich weiß noch von einer befreundeten Agentur, die einen Kunden über 20 Jahre aufgebaut haben und heute die tollsten Kunstinstallationen gemeinsam entwickeln, wirklich Sachen, auf die jeder Bock hat. Aber das war eine Entwicklung über Jahre. Ich glaube, man muss einfach dranbleiben, und genau deshalb ist Idealismus so wichtig: Sonst kann man gar nicht das Gute sehen, das man bewirken kann, auch im Kleinen und im Prozess. Das kann im Team sein, im Umgang mit den Menschen, mit denen man zusammenarbeitet: Dinge vorleben, eine Haltung haben: Ich glaube schon, dass das idealistisch ist.
409: Wir haben viel von euch gehört und würde jetzt gern ins Publikum öffnen. Habt ihr Fragen oder Kommentare aus eigener Erfahrung? Wie ist es euch ergangen?
Publikum: Ich lehre auch erst seit Kurzem und merke, dass bei mir in den Lehrveranstaltungen zunehmend weniger Idealismus zu finden ist. Viele agieren eher aus Angst heraus, ohne offen zu sein. Wie geht ihr damit um, wenn Leute ins Studium kommen, die diese idealistische Perspektive gar nicht haben, die man eher erst einmal „aus dem Sumpf ziehen“ muss?
Betty: Ich finde es immer gut, die Studierenden eigene Themen einbringen zu lassen — etwas, das sie selbst interessiert und das eine persönliche, gern auch gesellschaftliche Relevanz hat. Darüber findet man einen gemeinsamen Nenner; das ist oft ein echter Antrieb.
Marco: Genau, eine Fragestellung erarbeiten zu lassen oder sich die Frage selbst zu gestalten. Im Urban Design an der TUM sind das zum Beispiel Design Interventionsklassen, in denen eine Öffentlichkeit gesucht werden muss. Dann spürt man: Meine eigene Unsicherheit zu einem Thema trifft auf große Resonanz, und aus diesen Diskussionen kann etwas entstehen, das wiederum die eigene Einstellung zum Thema formt. Gerade in jüngeren Semestern war es immer sehr gut, möglichst früh rauszugehen und genau die Stimmen einzufangen, die draußen existieren.
Aber das war eine Entwicklung über Jahre. Ich glaube, man muss einfach dranbleiben, und genau deshalb ist Idealismus so wichtig.
Publikum: Ich berühre jetzt ein bisschen die Stelle, die man im Gespräch schon gehört hat: Als kreativer Studierender geht man relativ frei nach der Schule ins Studium, man ist nicht direkt mit all den Idealen geschmückt. Die kommen im Zuge des Studiums immer mehr dazu, mal mehr, mal weniger. Und irgendwann steht man an dem Punkt, an dem man so ein bisschen den Realitätsschock hat. Ich finde gut, was Betty eingebracht hat: dass man so früh wie möglich an den Realismus heranführt und den Austausch mit den Alumnis hat. Denn ich kann auch von meiner Uni berichten: Da wurden immer die Stars des Editorialdesigns gezeigt – nicht die Leute, die vielleicht im Café arbeiten, oder die, die sich engagieren, aber eigentlich kaum über die Runden kommen. Es wird so idealisiert, dass es mich super genervt hat. Es wird keine breite, diverse Masse gezeigt, sondern nur das, was glänzt. Das ist für mich ein Stück weit das Ursprungsproblem.
Charlie: Ich verstehe auch den Wunsch nach diesem Austausch, der sich bei dem ganzen Haufen Menschen zeigt, die nach dem Studium rausgehen, denn es ist eben nicht immer dieser geradlinige Weg. Wenn man aus der Gestaltung kommt, kann man durchaus auch interdisziplinär woanders landen. Wenn man Gestalten als Weltgestalten begreift, kann es in eine ganz andere Richtung gehen als das tatsächliche, physische Gestalten, nenne ich es mal. Das ist auch eine Erfahrung, die ich persönlich zusammen mit Katharina gemacht habe: Dadurch, dass wir noch so nah an den Studierenden dran sind, hat in unserem Kurs viel Austausch stattgefunden – genau über diese alltäglichen Sorgen und Gedanken. Wie hast du das gemacht, wie war das für dich? Und wir sagen dann auch: Oh, beim Diplom habe ich die ganze Zeit gedacht, hoffentlich klappt das. Ich glaube, das war wahnsinnig wichtig: dass man diesen Bezug, diese Offenheit und Nahbarkeit behält. Das führt aber wieder zum Thema Zweifel: Was mache ich mit meinen Sorgen, wo will ich eigentlich hin, und kann ich das? Es ist super wichtig, diese positiven Beispiele zu sehen, weil das auch empowern muss. Und ich hoffe, das haben wir letztlich ein Stück weit geschafft: zu empowern. Aber natürlich gibt es tausend Wege, die man gehen kann.
Marco: Ich habe mich auch gerade gefragt, ob es so rüberkam, als hätten wir gesagt, Idealismus sei vielleicht der einzige Weg. Denn ich glaube, man ist im Leben immer in unterschiedlichen Stadien, in denen das mehr oder weniger Raum hat und in denen ich mich vielleicht um andere Dinge kümmern muss. Das ist total okay, das ist bei uns allen so, und das darf auch sein. Ich möchte keinen Druck aufbauen, dass nur dieser idealistische Weg der richtige sei.
Betty: Gar nicht! Bei mir gab es viele Umwege in der beruflichen Laufbahn, weil es nicht immer linear geradeaus geht; daraus habe ich meinen Idealismus gestärkt. Mein Fokus hat sich von der Unternehmerin zur Lehre hin erweitert, auch aus so einer Phase heraus. Das Leben verläuft nicht linear, man muss manchmal adaptieren – und was man heute gut findet, sieht man in zehn Jahren vielleicht ganz anders.
Bei mir schwebte im Studium die ganze Zeit dieser Impending Doom über meinem Kopf: der Realismus, die Realität [...].
Charlie: Ich kann Zynismus durchaus verstehen, wenn jemand sagt: Ich habe keinen Bock mehr, ich verlasse die Branche. Aber das ist meine persönliche Überzeugung: Wo kommen wir hin, wenn man nur dasitzt und gar nicht an Veränderung glaubt? Vor wie vielen Jahren war es absolut naiv und super idealistisch, dass Frauen wählen dürfen – und das ging nur, weil man es sich vorgestellt hat. Veränderung kann nur passieren, wenn du sie dir vorstellst. Das finde ich wichtig.
Publikum: Ich als Ex-Design-Studentin habe ein bisschen die andere Perspektive, die vielleicht sehr persönlich ist oder war: Ich habe das ganz anders empfunden. Bei mir schwebte im Studium die ganze Zeit dieser Impending Doom über meinem Kopf: der Realismus, die Realität, die danach versprochenermaßen auf einen zukommt.
Das hat mich ehrlicherweise in meiner Freiheit, als Studentin super idealistisch zu gestalten, ziemlich eingeschränkt. Denn ich habe die ganze Zeit gedacht: Wie muss es dann später sein? Und wenn ich jetzt super idealistisch gestalte, hilft mir das nichts, weil ich es mir später wieder abtrainieren muss. Ich habe das eher als Belastung wahrgenommen. Ich weiß nicht, von welchen Seiten das kam – dieses ständige Gefühl: Es wird später eh anders, deshalb muss ich mich jetzt zurückhalten und darf mich gar nicht so frei entfalten. Den Realismus musste ich mir eher abgewöhnen.
Betty: Das kommt auch ein bisschen aufs Team an, wie divers die Lehrenden hier aufgestellt sind. Bei uns gibt es unterschiedliche Ansätze. Bei der Bachelorbetreuung zum Beispiel hat man zwei Referent:innen oder zwei Gutachter:innen, und die sagen dann vielleicht mal etwas völlig Konträres – und darum geht es ja letztlich: sich eine eigene Meinung zu bilden. Darüber reden wir auch immer. Dieses Darüber-Reden vermisse ich manchmal ein bisschen: dass die Zeit da ist, auch von den Studierenden genau solche Fragen gestellt zu bekommen und sich dann dazu austauschen zu können.
Publikum: Ich kann sehr zu eurer Meinung relaten, dass man im Studium eigentlich realistischer werden sollte. Ich habe mich letztens stark mit meiner Gestaltung positioniert in einem neuen Job – und bin an dem hängengeblieben, was du meintest: dass ihr in der Agentur versucht, eine Haltung zu vermitteln. Mich würde interessieren, wie das konkret funktioniert.
Ich frage mich nämlich: Am Ende kann man dem Kunden oder der Kundin ja nicht einfach sagen „Nein, das ist unsere Haltung“, weil am Ende eine Abhängigkeit besteht. Geht es also eher über die Teamstruktur, dass ihr das versucht? Ich reibe mich noch ein bisschen an diesem „auf Augenhöhe“.
Betty: Erstmal leben wir eine idealistische Haltung, nämlich, dass wir konstruktiv zusammen arbeiten. Es ist auch schon vorgekommen, dass wir uns bei einem echten Wertekonflikt – über längere Zeit, nicht von heute auf morgen – von einem Kunden getrennt haben.
Konkret heißt das: Bei neuen Projektanfragen schauen wir uns den Kontext, die Haltung dahinter an; gewisse Anfragen würden wir nach ethischen Kriterien gar nicht erst berücksichtigen. Auch beim Sponsoring wählen wir bewusst aus. Das sind alles Haltungsfragen. Oder wie wir im Team miteinander umgehen wollen. Wie weit man da hineingeht, muss jede:r für sich entscheiden; für mich, meinen Mann und das Leitungsteam ist das sehr wichtig.
Publikum: Ich sehe auch, dass das sehr viel Arbeit ist.
Betty: Es ist sehr viel Arbeit, richtig. An einem gewissen Punkt muss man dann auch einfach pragmatisch entscheiden. Ich bin inzwischen wirklich pragmatisch – idealistisch-pragmatisch-konstruktiv.
Wirklich offen zu sein, solche Themen zu diskutieren und sich dafür die Zeit zu nehmen, die nicht immer da ist [...].
409: Eine letzte Frage.
Publikum: Mich würde noch interessieren, welche ganz konkreten Wege ihr für euch gefunden habt, um Idealismus in den Alltag zu übertragen – und ob ihr damit zufrieden seid. Denn ich persönlich merke manchmal, dass “ein nachhaltigeres Material wählen” mir noch nicht genug ist. Mich würde interessieren, wie ihr damit umgeht.
Marco: Ja, das ist eine große Frage. Ich glaube, ich habe nicht den einen Weg gefunden, sondern versuche Wege jeden Tag neu auszuprobieren. Dabei hilft mir werteorientiertes Denken und informiertes Handeln. Denn es gibt nicht den einen Weg, gerade bei ökologischer Nachhaltigkeit ist es immer ein Abwägen. Es geht eher darum, ein Mindset zu entwickeln, darin zu navigieren und auch mal zu sagen: Ich weiß es gerade nicht, wir probieren es aus und brauchen mehr Expertise von anderen.
Daraus wieder neue Kooperationen zu schließen und zu schauen, wo sich in diesen Kooperationen Möglichkeiten finden. Das ist der Weg, den ich für mich entdeckt habe: weiter explorieren und offen bleiben.
Publikum: Mich interessiert sehr, wie man persönlich damit umgeht – auch der Gedanke, an vier Tagen bezahlt und am fünften Tag freiwillig zu arbeiten ist spannend.
Charlie: Damit habe ich meine Antwort eigentlich schon gegeben. Das ist für mich ein Modus, mit dem ich aktuell ganz gut leben kann. Ganz transparent: Der fünfte Tag geht nicht immer in die Lehre, manchmal sind es Freelance-Projekte, die genauso der Konsumgesellschaft dienen. Aber Wissensvermittlung empfinde ich als wertvoll. Es geht darum, was man mit jungen Menschen für die Zukunft bewegen kann.
In der Agentur sind es ganz konkret oft mikroskopische Momente: In den Moodboards wurden ständig nur Männer abgebildet, die gut mit dem Koffer aussehen, also habe ich darauf geachtet, dass genauso viele Frauen darauf sind. Vielleicht das banalste Beispiel, aber genau da habe ich überhaupt erst die Haltung und möchte für sie einstehen.
Betty: Für mich ist es auch die Lehre, gerade wegen der unterschiedlichen Perspektiven, die zusammenkommen, und überhaupt die Teamarbeit in der Agentur: wirklich offen zu sein, solche Themen zu diskutieren und sich dafür die Zeit zu nehmen, die nicht immer da ist, definitiv nicht.
409: Es ist mittlerweile etwas warm geworden hier im Raum, deswegen würden wir sagen, schließen wir die Panel-Diskussion an dieser Stelle. Ganz herzlichen Dank an euch drei und für eure Fragen aus dem Publikum. Weiter geht’s mit Kaltgetränken und Kronkorkenabstimmung.
BODY OF KNOWLEDGE
Im Text genannte Quellen
Papanek, Victor. Design for the Real World: Human Ecology and Social Change. 2. Aufl., Thames & Hudson, 1985. → Monoskop
Unterstab, Anna (2023). Design intersektional unter die Lupe nehmen. Gestaltung als Komplize von Diskriminierung und als widerständiges Werkzeug., in: Studienhefte Problemorientiertes Design, Heft 12., S. 110f, adocs Verlag, Hamburg. → adocs
Schweppenhäuser, Gerhard (2016): Ideologie und Utopie des Designs. Latours Designtheorie zwischen Aufklärungskritik und Gegenaufklärung. In: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, 58. Jg., Heft 1 (Nr. 315), S. 79f. → Academia
Über die Speaker:innen
Charlie Singer-Fischer
Charlie Singer-Fischer ist Grafikdesignerin. Ihre Arbeit konzentriert sich auf visuelle Identitäten, typografische Systeme, Web- und Printdesign. 2024 gewann sie den Wilhelm-Braun-Feldweg Förderpreis für designkritische Texte. Die Arbeit erschien mit dem Titel „Between the Lines. KI – schöne neue Zukunft?“ im niggli Verlag.
Marco Kellhammer
Marco Kellhammer arbeitet an der Schnittstelle von Gestaltung und Forschung und interessiert sich für konfliktbehaftete gesellschaftliche Transformationsprozesse. Er lehrte Industrial Design an der Technischen Universität München mit Schwerpunkt Sustainability und Social Design. In seiner Promotion untersucht er, welche Rolle Design in Transformationsprojekten spielt — und wie Designforschung, Zukunftsbilder und Real-Experimente helfen, Veränderung im Alltag sichtbar, verhandelbar und wirksam zu machen. Bereits im Designstudium gründete er überkochen e.V. mit.
Prof. Betty Schimmelpfennig
Betty Schimmelpfennig ist Professorin für Crossmediale Gestaltung und Managing Partner/Co-Founder von Elastique. Sie realisiert interdisziplinäre Arbeiten an der Schnittstelle von analog und digital – mit dem Menschen im Zentrum zwischen realen und virtuellen Aggregatzuständen und Kipppunkten. Ihre Arbeiten sind vielfach ausgezeichnet. Sie engagiert sich u. a. in Jurys und als Mentorin im ADC und DDC.
Mission der WDC 2026
"Alle zwei Jahre verleiht die World Design Organization den Titel World Design Capital an eine Stadt oder Region. 2026 wird Frankfurt RheinMain zur internationalen Bühne für Design. Gemeinsam mit der Region realisieren wir wegweisende Projekte und zahlreiche Veranstaltungen, die zeigen, was Design leisten kann – für die Gesellschaft und die Demokratie, für unser Zusammenleben und unseren Alltag.
Im Laufe des Jahres richtet sich unser Programm nach verschiedenen Themenschwerpunkten. Sie greifen Fragen aus dem Alltag auf, geben dem Programm eine lebendige Struktur und machen die unterschiedlichen Facetten von Design erlebbar."
zitiert nach der WDC → Seite der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026
Ein Projekt von Gestalt Error 409 im Rahmen der WDC 2026
→ Unsere Seite bei der WDC ist noch im Aufbau
Über die WDC 2026
zitiert nach → wdc2026.org/de/ueber-wdc-2026 am 31.1.26
Unsere Vision
Die Welt wirkt aus den Fugen geraten: Krisen prägen Umwelt, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Unsere Demokratie ist von extremen Kräften gefährdet. Was gestern noch galt, scheint heute überholt. Viele Menschen empfinden Unsicherheit, Pessimismus und ein Glas, das stets halbleer scheint. Wir setzen diesem Pessimismus mit der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 mit der Vision „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ ein positives, realistisches Narrativ entgegen: Weg von der Krisenstimmung, hin zu Chancen. Es geht darum, sich nicht von Schlagzeilen leiten zu lassen, sondern von klaren Werten. Nicht Angst soll unser Handeln bestimmen, sondern eine klare Haltung. Wir schaffen Räume, die gemeinsam gestaltet werden können und in denen Menschen wirksam werden können – für eine erlebenswerte Zukunft. WDC will zeigen, was Gestaltung kann: für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, für Innovationen in der Wirtschaft und für unser Klima.
Aus dieser Haltung heraus verfolgt die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 vier zentrale Ziele: die Lebensqualität durch Design zu verbessern und Wandel in der Region zu gestalten, die regionale Identität mit internationaler Strahlkraft auszubauen, nachhaltige Innovationen und Zukunftsfähigkeit zu sichern sowie Demokratie durch partizipative Gestaltung lebendig zu machen.
Was verstehen wir unter Design?
Design bedeutet weit mehr als schöne Produkte oder gelungene Formen. Es ist ein Rahmen, der unser Zusammenleben in allen Bereichen des alltäglichen Lebens prägen kann. Design erarbeitet innovative Lösungen für die relevanten Herausforderungen unserer Gegenwart. Ziel ist dabei immer ein nachhaltiger positiver Effekt auf Umwelt, Wirtschaft, Kommunikation, Politik. Designwissenschaft und Praxis basiert auf fundierten Methoden und systematischer Recherche, um zu optimalen, überprüfbaren Ergebnissen zu kommen. Der eigentlichen Produktentwicklung geht eine detaillierte Analyse von Aufgabenstellung, Kontexten und Nutzungsszenarien voraus. In die Entwicklung fließen Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Disziplinen ein – von Ingenieurs- und Materialwissenschaft bis zu den Sozialwissenschaften. Der Entwurfsprozess ist durch Kriterien wie Nachhaltigkeit, Nutzerfreundlichkeit, reduziertem Materialeinsatz und hoher Recyclingfähigkeit etc. geleitet.Die Aufgabe von Designer:innen ist die Konzeption, Entwicklung und Kommunikation innovativer Produkte und Lösungen, die unsere Gesellschaft zukunftsfähig machen. Design gestaltet eine positive Zukunft und ist damit ein Hebel für die notwendige Transformation von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, stärkt unser soziales Miteinander und macht unsere Werte des Zusammenlebens ästhetisch erlebbar.Entlang der Leitidee Design for Democracy: Atmospheres for a better life zeigt das Zukunftsprogramm der World Design Capital 2026 Frankfurt RheinMain, wie Gestaltung nachhaltige Stadtentwicklung fördert, neue Formen urbanen Wohnens und Arbeitens ermöglicht, Mobilität und Bildung neu denkt, umweltbewusstes Produzieren und Konsumieren unterstützt.
Design als Motor für gesellschaftlichen Wandel
Gleichzeitig befähigt Gestaltung dazu, Veränderungen anzustoßen und handlungsfähig zu werden. Sie stiftet Motivation, wirkt inspirierend und steckt an. Auf diese Weise schafft sie die Grundlage für ein starkes Gemeinschaftsgefühl – und ermöglicht ein demokratisches Zusammenleben. Genau das braucht die Region Frankfurt RheinMain heute besonders.
Die Region Frankfurt RheinMain ist extrem heterogen und polyzentrisch. Sie setzt sich neben der Großstadt FFM auch aus mittelgroßen und kleinen Städten zusammen. Sie ist eines der wichtigsten Wirtschafts- und Finanzzentren in Deutschland und Europa, mit zahlreichen starken Arbeitgebenden, einer Vielzahl von Hochschulen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, schönen Landschaften und Erholungsgebieten. Jedoch hat sich die Region bisher noch nicht gefunden: Es gibt kein gemeinsames Narrativ, das all die unterschiedlichen Aspekte eint. Dies ist eine riesige Chance.
Gestaltung schafft Lösungen für Probleme
Die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 lädt daher dazu ein, eine neue gemeinsame Identität der Region zu schaffen und die zentralen Fragen unserer Zeit gemeinsam anzupacken: Wie können öffentliche Räume echten Mehrwert schaffen? Wie tragen Architektur, Mobilität, Wirtschaft oder Digitalisierung zu mehr Lebensqualität bei? Und welche Rolle spielt Design für eine lebendige Demokratie?
Wir möchten eine Kultur der Zuversicht, des Pragmatismus und der Freude am Handeln fördern. Gemeinsam wollen wir Räume für Ideen öffnen, Verantwortung übernehmen und konkrete Lösungen entwickeln, die lokales Engagement und globale Perspektiven verbinden.
Unsere Kernbotschaften
1. Transformation als Tradition: demokratischer Wandel in Frankfurt RheinMain
Die Region Frankfurt RheinMain hat in gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Krisen immer wieder mit Innovation, Vielfalt und großer Wandlungsfähigkeit überzeugt. Ihr international anerkanntes Erbe reicht von der Paulskirchenbewegung über „Das Neue Frankfurt“ bis zur Mathildenhöhe Darmstadt – Initiativen, die nur durch Zusammenarbeit, Engagement und gemeinschaftliches Handeln möglich waren.
Die Auszeichnung als World Design Capital 2026 verstehen wir nicht als Rückschau, sondern als Auftrag, diese Tradition aktiv fortzuführen.
2. Gestaltung als Hebel für Wandel und Nachhaltigkeit
Gestaltung ist weit mehr als Form – sie ist ein Prozess, der Veränderungen in allen Bereichen unseres Zusammenlebens anstößt. Mobilitäts-, Service-, Kommunikations-, Produkt- und Architekturgestaltung prägen den Alltag und treiben wirtschaftliche Transformation voran. Social Design, politisches Design und Politikgestaltung übersetzen Werte wie demokratischen Zusammenhalt und ökologische Rücksicht in praktische Anwendungen, setzen gesellschaftliche Prozesse in Gang, stärken Verantwortung, Mut, Engagement und Wirksamkeit jedes:r Einzelnen und schaffen Orte, an denen Diskurse stattfinden und Beteiligung möglich ist. Hier und jetzt, in konkreten Räumen und Alltagshandlungen wird Demokratie erlebbar.
3. Gemeinsam gestalten: die Region als Werkstatt für eine erlebenswerte Zukunft und gesellschaftlichen Zusammenhalt
Eine erlebenswerte Zukunft entsteht dort, wo Menschen aktiv mitwirken. In Frankfurt RheinMain entwickeln Bürger:innen, Bildungseinrichtungen, Kultur- und Kreativwirtschaft sowie Unternehmen aller Größen gemeinsam neue Ideen. Mit rund 450 Projekten und bis zu 2.000 Veranstaltungen wird die Region 2026 zu einem lebendigen Experimentierfeld, in dem Verantwortung übernommen, ausprobiert und gemeinsam gestaltet wird – mit Impulsen, die weit über das Jahr hinaus wirken.
Legacy: Was bleibt nach 2026Die Legacy von WDC 2026 basiert auf drei Säulen:
1. Erprobte Praxis: Projekte und Kooperationen, die zeigen, wie Design demokratische Prozesse konkret verbessert
2. Dauerhafte Strukturen: Institutionen, Rollen und Orte, die diese Arbeitsweise über 2026 hinaus tragen
3. Messbare Wirkung: Studien, die sichtbar machen, was sich verändert und was wir daraus lernen
Wie die Legacy wirkt – zwei Bewegungen mit klaren Zielen:
A) Top-down: Design in Verwaltung und Politik verankern – z. B. durch den Design Action Plan 2030, Chief Design Officers, Policy-Experimente und neue umsetzungsstarke Modelle für Projekte im öffentlichen Raum
B) Bottom-up: Demokratische Gestaltungskompetenz in der gesamten Region stärken – z. B. über den FRM Design Hub, die OPEN – Design Week Frankfurt RheinMain und Weiterbildungsangebote
So tragen diese Maßnahmen zu den Kernzielen der WDC 2026 bei:
A) Lebensqualität verbessern & Wandel gestalten: Durch erprobte Projekte und partizipative Formate werden öffentliche Räume, Services und Alltagserfahrungen konkreter, demokratischer und lebenswerter.
B) Regionale Identität & internationale Strahlkraft: Dauerhafte Strukturen und sichtbare Projekte machen Frankfurt RheinMain zu einem Modellstandort für Design, Innovation und gesellschaftliche Zusammenarbeit.
C) Nachhaltige Innovation & Zukunftsfähigkeit: Die Kombination aus top-down- und bottom-up-Maßnahmen etabliert Netzwerke, Kompetenzzentren und Lernformate, die Innovation, Klimaschutz und demokratische Teilhabe langfristig sichern.
Kurz: WDC 2026 hinterlässt eine Region, die Demokratie aktiv gestaltet – mit den Tools, der Kultur und den Kompetenzen, um Teilhabe spürbar und wirksam zu machen – weit über 2026 hinaus.
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